Cyberkranke Smombies?

 

Zum neunten Mal rief der Langenscheidt Verlag im November 2015 zur Wahl des Jugendworts des Jahres auf. Die unabhängige 20-köpfige Jury aus Jugendlichen, Sprachwissenschaftlern, Pädagogen und Medienvertretern entschied sich für „Smombie“ als Gewinnerwort. 
Das Kunstwort aus Smartphone und Zombie steht in der Jugendsprache für Menschen, die wie gebannt mit dem Handy über die Straße gehen und nicht mehr wahrnehmen, wohin sie laufen oder wem sie begegnen. Für die Jurorin Ilknur Braun „beschreibt es punktgenau die heutige Selbstverständlichkeit vieler Menschen im Umgang mit dem Smartphone.“ Heute sitzen sich Menschen in Zügen, Bussen, U-Bahnen, aber auch am Esstisch gegenüber und starren auf ihre Handy-Monitore. Mütter lenken einhändig den Kinderwagen, in der anderen Hand halten sie das Handy ans Ohr. Ihre Babys müssen die traurige Erfahrung machen, dass die Mutter stets abgelenkt ist und ihnen nicht die volle Aufmerksamkeit schenkt. 


Frustation verspüren auch Familienmitglieder, die keine ungestörte Freizeit oder Feier mehr miteinander verbringen können, da das Dauerklingeln des Smartphones die gemeinsame Unternehmung ständig unterbricht. Kinder und Jugendliche werden immer wieder durch Posts oder Sprachnachrichten der Freundinnen und Freunde aus dem realen Zusammensein mit ihren Angehörigen gerissen. Die aktuelle Kommunikation wird gestört. Dadurch geht die Verbundenheit mit den anderen und die Einfühlung in den gerade stattfindenden Austausch verloren. Psychologen prognostizieren, dass in Kombination mit einer zu frühen Fremdbetreuung kleiner Kinder eine schwer bindungsgestörte und wenig empathische Generation heranwächst.

Bereits rund 1,2 Millionen der drei- bis achtjährigen Kinder sind regelmäßig online. Was sich wenige Mütter und Väter bewusst machen: Ihre Datenspuren werden wie die der Erwachsenen ausgewertet und verkauft. Viel gravierender jedoch ist der Schaden, die eine digitale Dauerberieselung in den Seelen und Köpfen von Kindern und Jugendlichen angerichtet. Lehrerinnen und Lehrer machen sich um die berufliche Zukunft der jungen Menschen Sorgen. Sie beobachten bei ihnen zunehmende Konzentrationsschwächen, Aufmerksamkeitsprobleme und mangelndes Interesse, sich einem Thema intensiver zu widmen. 


Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm und des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen, warnt ausdrücklich vor der „Cyberkrankheit“. Wenn wir den digitalen Medien die Kontrolle aller Lebensbereiche überantworten, stundenlang Online-Games spielen oder in sozialen Netzwerken unterwegs sind, wirkt sich dies auf unsere Gesundheit aus. Der digitalisierte Alltag von Kindern und Jugendlichen, von wohlmeinenden, aber kurzsichtigen Müttern und Vätern und an Schulen oft noch unterstützt, setzt Kinder und Jugendliche unter Dauerstress, wenn sie ständig den Bewertungen und Kommentaren der virtuellen „Community“ ausgesetzt sind. Welcher junge Mensch kann so ungestört zu sich selbst finden? Prof. Spitzer schildert auch die ungünstige Wirkung von E-Books „auf die Sprachentwicklung des Kindes, denn sie lenken vom Wesentlichen ab und fördern daher nicht den Lernvorgang, sondern behindern ihn“. 
Zu den krankmachenden Auswirkungen der Digitalisierung gehören Sucht und Depressionen, Angstzustände, Herz- und Kreislauferkrankungen, Schlafstörungen, Bewegungsmangel und Adipositas. Wer dies ignoriert, ist in den Augen Prof. Spitzers realitätsfremd. Dagegen hilft nur Aufklärung, digitale Diät und das Wiederentdecken von Alternativen.

Lesetipp

Manfred Spitzer: Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert

 

432 Seiten, Hardcover, erschienen November 2015, Droemer Verlag, ISBN 9783426276082

Der bekannte Gehirnforscher Prof. Manfred Spitzer warnt vor den Gesundheitsgefahren der digitalen Technik und erklärt, wie wir uns schützen können. Denn: "Wir dürfen weder die Köpfe noch die Gesundheit unserer Kinder dem Markt überlassen." UF

Fotos: oben: CF; Mitte: Dorothee Elfring; Cover: Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG