Der urweibliche Tanz - Raqs Sharqi

Die Bewegungen des Raqs Sharqi,  der „Tanz des Ostens“, tun der weiblichen Seele und dem Frauenleib in jedem Lebensalter wohl. Sie bringen uns in unsere Mitte, indem sie die erdigen und spirituellen Kräfte verbinden, uns aufrichten und entspannen.

 

Der heilige Schlangentanz

Die Schlange verkörpert die weibliche Lebensenergie und die ewige Wandlung. Wir kennen sie auch als Kundalini-Schlange, die spiralig zusammengerollt in der Beckenschale an der Basis der Wirbelsäule ruht und deren Energie durch die Chakren aufsteigt. Im alten Babylon wachte die Göttin Ishtar über den Tanz, der rituell und nur von Frauen getanzt wurde. Er erzählt von der Beziehung der Priesterinnen-Schamaninnen und der Schlangen. Er lädt eine Frau mit deren urweiblichen Lebensenergie und Mutterkraft auf. Im Orient galten Tänzerinnen als Glücksbringerinnen, weil diese spirituelle sakrale Energie mit sich bringen (Wendy Buenaventura). Somit kann der urweibliche Tanz eine weibliche spirituelle Praxis (Shakti Sadhana) sein.

Archäologisch nachgewiesen sind die kretische Schlangengöttin aus der minoischen Zeit, die neun Schlangenpriesterinnen und ihr sakraler Schlangentanz, der Ursprung des orientalischen Frauentanzes. Figurinen wie die aus dem Palast von Knossos sind ungefähr 3600 bis 8000 Jahre alt. Ein Grab mit vier Priesterinnen-Schamaninnen, laut dem kretischen Anthropologen Angelarakis aus der matrilinearen minoischen Kultur, wurde in Orthi Petra gefunden. Ebenso heilig war der Schleiertanz. Er geht vermutlich darauf zurück, dass sich die Schlangenpriesterinnen außerhalb ihres heiligen Raums verhüllten. 

Sich schön und gesund tanzen

Die Ärztin Barbara erklärt, orientalisch zu tanzen, sei „das Gesündeste, was Frauen für sich tun können.“ In diesem Tanz erfahrene Frauen können es bestätigen. Vielleicht liegt es daran, dass das Kreisen eine kosmische Urbewegung bis in die menschliche Zelle hinein ist? Im Universum kreisen alle Sterne, Planeten und Monde um sich selbst und um andere Gestirne. Unser ganzes Sonnensystem kreist ebenfalls um das Zentrum der Galaxie. Sogar die befruchtete mütterliche Eizelle dreht sich auf ihrem Weg in die Gebärmutter im Uhrzeigersinn (Rakuna und Anotamey: Mütterliches Wissen). Ist eine Drehbewegung erst einmal entstanden, bleibt sie für immer bestehen. Woher sie kommt, ist ungewiss. Fest steht nur, dass es das geheimnisvolle Kreisen seit Anbeginn der Schöpfung gibt. 

Gut geerdet
Durch das Tanzen wird der Körper neu ausgerichtet. Die Brust wird angehoben und das Becken geöffnet. Dadurch werden auch die Lenden-, Brust- und Halswirbelsäule beweglich. Durch die Lösung der Verspannungen bis ins Fasziengewebe hinein kann der Körper eine gesunde Haltung einnehmen. Füße, Beine, Beckenboden und Rücken werden gekräftigt. Der Brustkorb, den wir im Alltag eher wenig bewegen, wird geschmeidig, der Atem fließt frei, und wir zeigen in der Folge ein aufrichtiges und offenes Herz.

Traditionell wird barfuß getanzt, eine befreiende Erfahrung für die Füße, die lebendiger werden. Kalte Füße sind bald passé. Für die Indianerinnen ist es ein Ausdruck ihrer Verbundenheit mit Mutter Erde, wenn sie sie mit nackten Füßen berühren.Durch die Erdverbundenheit wird unser Gang geerdet. 
Inzwischen gibt es neue Informationen über das Erden: „Es stellt den naturgegebenen elektrischen Grundzustand des Körpers wieder her und erhält ihn aufrecht; dieser wiederum fördert optimale Gesundheit (...). Die natürliche Energie, die die Erde abgibt, ist das Mittel schlechthin gegen Entzündungen und gegen das Altern“ (Clinton Ober, Stephen Sinatra, Martin Zucker: Earthing - Heilendes Erden. Gesund und voller Energie mit Erdkontakt).

Innere Reise einer Tänzerin

Eine moderne orientalische Tänzerin begibt sich auf eine Reise in eine authentische Weiblichkeit, was zu Anfang ungewohnt sein kann: „Ich nahm Kontakt mit meinem Becken auf, das erste Zuhause für mein Kind, das es warm, satt und geschützt in sich geborgen  und mich zur Mutter gemacht hat. Seine Antwort konnte ich gut verstehen: Es zwickte noch, wenn ich es wiegte, seine Muskeln waren noch verkürzt, so sehr hatte ich als Frau die Zügel angezogen, hatte es „kurz halten“ müssen. Das machte mich sehr traurig, und ich bekam Sehnsucht nach allem, was darin verborgen ist.“
In der Stilform des Baladi drücken wir unsere Gefühle auf vielschichtige Weise aus. Im höfischen Sharqi verdichten wir Bewegung und Energie. Dies verfeinert und intensiviert den Tanz zugleich. Der ländliche Stil des Raqs Sharqi ist erdig und intensiv. Der Tanz mit einem rustikalen Shaabi- oder eleganten Baladi-Stock stärkt die Zentriertheit in Körper und Geist. Die Tänzerin bringt ihre natürliche Stärke zum Ausdruck und nimmt eine würdevolle aufrechte Haltung ein. Zusätzlich zu Kreisen und Achten setzt das Becken mit Hüftdrops und -lifts klare Akzente zur Musik. Sie schulen die Tänzerin darin, bewusst und auf den Punkt Entscheidungen zu treffen. Mit schlängelnden und feinen Arm- und Handbewegungen haben wir die Möglichkeit, unsere Energien zu lenken. Wir nehmen Energie aus dem Raum auf und geben sie wieder nach außen ab. Wir halten die Hände schützend hinter uns oder demonstrieren Stärke.
Der Tanz mit dem Schleier bietet zum einen die Möglichkeit, sich geheimnisvoll zu verhüllen, zum anderen, mit dem Schleier ausgelassen und spielerisch zu tanzen. Wie Maya -  die verschleierte Muttergöttin sowohl im alten Indien als auch bei den Kelten - Leben, Übergang und Erneuerung verkörpert, repräsentiert die Tänzerin das  Wirken der weiblichen schöpferischen Energie aus dem verborgenen Inneren hinein ins sichtbare Äußere.  

Loslassen und beben

Drehungen sind eine aus der Zentrierung und Erdung der Tänzerin nach außen gerichtete Bewegung. Das Drehen übt einen besonderen Zauber aus und kann sowohl die Tänzerin als auch auf die Zuschauerinnen in Trance versetzen. Zustände wie die Trance gehören zum Alphawellen-Bereich des Gehirns, der auch dem Grundrhythmus der Natur und dem elektromagnetischen Feld der Erde entspricht. Der durch Rhythmus und Tanz erzeugte Alpha-Zustand ist die neurologische Grundlage von erweiterten Bewusstseinszuständen.

Der Weg zu langem, gleichmäßigem und schnellem Drehen führt über so manche innere Hürde, wie eine Tänzerin beschreibt: „Beim Drehen wurde mir anfangs immer schwindelig. Zu viel Atem, zu viel Bewegung. Mein Kopf wurde unsicher. Er hatte keine Kontrolle mehr über mich. Meine Füße liefen ihm scheinbar davon. Durch die Erdung meiner Füße und das wachsende Vertrauen fand ich Halt. Fortan gab es keinen Schwindel mehr.“

Beim „Shimmy“ beben die Hüften unter wohligen Energie-Schauern. Jede Tänzerin findet ihr ureigenes Beben, das sich in dieser Schüttelbewegung nach außen entlädt, einmal wie ein Vulkanausbruch, ein andermal wie perlende Wassertropfen. Durch das Loslassen beim „Shimmy“ oder „Shiver“ gerät die Tänzerin und mit ihr auch das Publikum in einen Zustand der Gelöstheit. 

Neue Frauenkultur

Im Dabke, einem in vielen arabischen Ländern verbreiteten Volkstanz aus Syrien, wecken die mitreißenden Rhythmen die Vitalität und Lebensfreude. Als Gruppentanz stärkt er die Gemeinschaft und schenkt den Tänzerinnen und auch den Zuschauenden viel Kraft. Wenn heute Europäerinnen mit Frauen orientalischer und anderer Herkunft tanzen, knüpfen sie an eine alte Frauenkultur an. Die Vermischung der Kulturen führte bereits in vorchristlichen Epochen zu einem regen Austausch: „Die ägyptische Mondgöttin Isis (…) wird in Mitteleuropa zur Noreia, ihr Kult gleicht in allem dem Isiskult in Ägypten“ (Luisa Francia: Die Göttin im Federkleid. Das weibliche Universum bei Kelten und Germanen). Die Tanzethnologin und Tänzerin Helene Eriksen studiert in ihrem Projekt „Anar Dana“ mit Frauen in Europa und Nord- und Südamerika traditionelle orientalische Tänze ein und bringt sie mit ihnen auf die Bühne.

Tanz und Musik 

Musik ist eine universelle Sprache, weil sie unmittelbar die Seele berührt. Schon die altorientalische Musiktherapie, von Dr. Oruc Güvenc wiederentdeckt, geht darauf zurück, dass das pentatonische Tonsystem sowie die zahlreichen Tonarten (Makame) heilsame Wirkungen haben. Mit dem durchgehenden Rhythmus der Dombra werden rhythmische Prozesse im Leib angeregt. Dazu wird auf der Oud, der arabischen Laute, oder der Schilfrohrflöte Ney improvisiert. In der Vielfalt der klassischen arabischen Musik gibt es wundervolle lyrische oder temperamentvoll-rhythmische Stücke, die immer auch eine hypnotisierende Wirkung haben. Doch auch auf moderne Musik lässt es sich mit Wonne orientalisch tanzen. UF

Wendy Buonaventura: Die Schlange vom Nil. Frauen und Orientaltanz

224 Seiten, Neuauflage 2012, Tanz Oriental Verlag, ISBN 9783000373121

Der aktualisierte Klassiker der Tänzerin Wendy Buonaventura gibt einen Überblick über die Entwicklung des orientalischen Frauensolotanzes bis heute. Das Buch enthält eine Fülle wunderschöner Bilder und Fotographien.

Fotos: Mond: mit freundlicher Genehmigung von Dorothee Elfring; Barfuss/Ästestrahlen: CF; Schleiertanz/Drehen by Dorothee Elfring: UF; Gruppe Anar Dana by Chris Yetter: mit freundlicher Genehmigung von Anne George; Cover: Promedia Druck- und Verlagsges.m.b.H., TANZ Oriental Möhl & Partner GbR

Rosina-Fawzia Al-Rawi: Der Ruf der Großmutter. Oder die Lehre des wilden Bauches 

208 Seiten, mit zahlr. Abb., Promedia Verlag, 7. Auflage 2010, ISBN 3853711103
Rosina-Fawzia Al-Rawi ist Arabistin und Ethnologin. Ihre Kindheit verbrachte sie im Irak und im Libanon, sie studierte in Ägypten und Österreich. Seit mehr als zehn Jahren lebt sie in Jerusalem/Al Quds und Wien, wo sie als Bauchtanzlehrerin arbeitet.