Herkunft und Zukunft der Klimastreik-Kinder

Keine Sorge, wir springen jetzt nicht auch noch auf den Zug von Greta auf, der inzwischen preisgekrönten Schutzpatronin der Erde und der Zukunftsfreitage. Nein, beide wurden in den diskussionsfreudigen Medien schon genügend ge-hyped und beinahe nieder-getalkt. Die Reaktion auf derartige Aktionen: Follower, Talkrunden und Preise. Für matriarchatsbewusste und forschende Frauen liegen die Fragen und Antworten, die uns bei der aktiven Umsetzung von bereits vorhandenen Zukunftsvisionen für unsere Mitwelt weiterhelfen können, jedoch woanders. Und es wäre dabei zu wünschen, dass sich junge Menschen nicht von denjenigen Älteren abspalten lassen, die in ihrem Leben Weisheit und Lebenserfahrung gesammelt haben, und diese mit ihnen teilen könnten.

 

Zunächst eine kurze Bestandsaufnahme zu eurer Herkunft: Wir Frauen eurer Mütter-Generationen, liebe Klimastreik-Kinder, haben uns sehr um Mutter Erde und unsere Mitwelt gesorgt und gekümmert. Wir waren die Bio-Pionierinnen, ob im Haushalt, Garten, beim Einkauf, bei der Herstellung, Verarbeitung und beim Recycling von Lebensmitteln, Kleidung, Möbeln, Kosmetika, Papier, Windeln, Binden oder Farben für die Haare oder die Wände und für Jutebeutel statt Plastiktüte. Wir haben gegen Atomkraft und für den Frieden demonstriert, Frauen in den Fokus gerückt und, was kaum erwähnt wird, und was dabei so entscheidend für einen Bewusstseinswandel war: Vor allem eure Mütter haben sich mit ihrer kriegstraumatisierten Elterngeneration auseinandergesetzt und vieles aufgearbeitet, was in den Familien mit Tabu belegt oder als Familiengeheimnis unter den Teppichen verborgen lag.

 

Wir haben Gefühle und Bewusstsein trainiert wie heute Yoga, bei den Sanyassins die Dynamische gemacht oder unsere Persönlichkeit mit verschiedenen therapeutischen oder spirituellen Selbsterfahrungsmethoden entwickelt. So kamen wir auch zur Wiederentdeckung von Naturheilkunde, Hebammenwissen, Frauenweisheit und dem Schamanismus, in dem Mutter Erde verehrt und beschützt wird. Wir haben weibliche Spiritualität wieder zum Leben erweckt und praktizieren sie. Wir kamen auch in Kontakt mit unseren matriarchalen Wurzeln und mit bestehenden Matriarchaten und haben uns dort neu orientiert. Wir haben unsere Forderungen für ein gutes Leben für alle in einem Manifest formuliert.

 

Gleichzeitig haben eure Mütter euch großgezogen – unter erschwerten Bedingungen. Ohne ein Müttereinkommen, ohne Unterstützung aus ihren Mutter-Clans haben viele von ihnen die persönliche Verarmung in Kauf genommen, um euch nicht in die Krippe abschieben zu müssen. Sie haben vielen von euch dadurch  Bindungsstörungen und die Folgen von mangelnder Nestwärme und Kontinuität erspart. In der Beziehung zur Mutter konntet ihr die Empathie-Fähigkeit erwerben, die viele von euch jetzt zur Rettung der Natur drängt. Vielleicht seid ihr die letzte unserer nachkommenden Generationen, die über genügend Empathie verfügt, um dies zu tun, falls Mütter weiterhin aus Überlebenszwang und dem patriarchösen Trend der Trennung von Mutter und Kind und Abwertung  mutternder Tätigkeiten ihre Kinder schon als Säuglinge von Fremden großziehen lassen.       

 

All dies hat euch und eurem Appell für eine lebenswerte Zukunft dazu verholfen, dass ihr auch bei vielen Älteren auf offene Ohren, Herzen und Türen stoßt. Aber am Ende stehen wir alle vor der System-Frage: Warum bedroht ein sogenannter Tipping-Point nicht nur das Klima, sondern vielmehr unsere Mutter Erde und damit auch uns mit Artensterben, Vergiftung und Vermüllung, dem Kollaps des natürlichen Gleichgewichts, mit Burnout, Armut und Einsamkeit? Dann würdet ihr womöglich wie wir entdecken, dass es die Wirklichkeit noch nicht verändert, wenn wir uns mit einem Plakat vor ein Regierungsgebäude setzen oder nicht in die Schule gehen. Wäre die Frage nicht vielmehr, wie jede und jeder einzelne neue Wege jenseits des patriarchösen Systems beschreiten kann und wie wir gemeinsam ein gutes Leben für alle gestalten können? Wollen wir nicht endlich einen Konsens finden, dass es wie bisher nicht weitergeht, und beschließen, wie wir gut mit unserer Planetenheimat und all ihren Bewohnerinnen und Bewohnern umgehen?

 

Die Naturwissenschaft kann uns mit Hilfe von Verstand und Technik inzwischen die Materie bis in die kleinsten Partikel erklären. Die erste Raumsonde hat unsere Galaxie verlassen und streift nun durch den interstellaren Raum. Astronomen finden immer mehr erdähnliche Planeten in anderen Sonnensystemen. Weltall-Kolonialisten träumen schon vom Aufbruch dorthin. Schon werden die ersten Exo-Grundstücke und Nutzungsrechte an Bodenschätzen auf dem Mond oder Mars oder den Asteroiden verschachert, nach dem partriarchal-kapitalistischen Motto „alles meins“. Abermilliarden fließen in den Bau und Start von Raketentriebwerken, mit denen Raumschiffe die hohe Beschleunigung für die rund tausend Tage dauernde, rund 228 Millionen Kilometer lange Reise bis zum Mars erreichen sollen. KI-Forscher basteln an Robotern mit Soft-Touch-Effekt, denn vielleicht sind sie ja die Aliens, die mit terrestrischen Ufos fremde Planeten besuchen. Und inzwischen spinnt ein rasant wachsendes Satelliten-Netz die Erdkugel ein. Eine amerikanische Behörde (Federal Communications Commission) erteilt die Lizenzen dafür.

 

Wer hat uns dazu gefragt, ob wir das so wollen? Brauchen wir Menschen auf dem Mars? Würde es nicht genügen, das faszinierende Universum mit Sonden und Robotern zu entdecken? Brennen wir nicht eher dafür, uns um unser Zuhause auf unserem Heimatplaneten zu kümmern? Wie kreativ könnten Menschen mit all den Milliarden sein, wenn wir sie für ein gutes Leben und für Mutter Natur einsetzen würden? Ist es wirklich immer noch eine Mehrheit, die sich einem Patriarchat des weißen Mannes und dem Wachstums-Wahn seines globalen Turbokapitalismus unterwerfen will? Und wieviel Zeit und Unmengen von Energie wollen wir weiterhin für ein virtuelles Leben im Netz verschwenden? Spannende Fragen.

 

Seit erst wenigen Jahrtausenden bestimmen ein paar Macht- und Geldgierige und ihr Gefolge patriarchalisierter Frauen und Männer, wo es für die Menschheit und ihren Planeten langgeht. Die Jagd nach immer mehr bestimmt inzwischen das Leben fast aller, egal ob sie zu der Handvoll Milliardären gehören oder zu denen, die inzwischen mehrere Jobs oder zwei Einkommen brauchen, damit ihre Familien über die Runden kommen. Sogar die Selbstoptimierung des einzelnen folgt diesem Zwang von Kindheit an. Sinnsuche, soziales Engagement, Kreativität, Spiritualität, Zeit füreinander und miteinander, Verbundenheit, Bezogenheit, Beziehungen, Empathie, Fürsorge - dafür bleibt kaum mehr Raum und Zeit. Trennung ist das vorherrschende Prinzip – von der Natur, von Arbeit und Familien- und Freizeit, von Kindern und Müttern und älteren Menschen. Dabei ist Verbundenheit eines der Grundbedürfnisse des Menschen. Laut dem Gehirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther steht als zweites basales Bedürfnis die Entwicklung.    

 

Was wir brauchen und was uns helfen könnte, unseren Planeten und unsere Zukunft zu retten, können wir sehr leicht bei matriarchal lebenden Gemeinschaften entdecken. Davon gibt es einige Millionen Menschen auf unserer Erde, und ihre Kultur und ist uralt. Sie leben uns vor, wie es geht, ein Miteinander ohne Kriege, ohne Ausbeutung und Zerstörung in einer gesunden sozialen Gemeinschaft (siehe hierzu der Film „Wo die freien Frauen wohnen“ von Uschi Madeisky und das Buch „Am Herdfeuer: Aufzeichnungen einer Reise zu den matriarchalen Mosuo“ von Dagmar Margotsdotter). Wir müssen nur hinschauen.  

Um sinnlose Strukturen abzuschaffen und kreativ für die Zukunftsgestaltung zu werden, brauchen wir zudem ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dass dies realisierbar ist, wurde von vielen Vordenkerinnen und Vordenkern inzwischen nachgewiesen. Sie haben Plan-B-Modelle ausgearbeitet, wie wir eine Subsistenz-Perspektive umsetzen können, wobei sich Menschen regional selbst versorgen und Tauschhandel betreiben (siehe hierzu bei Prof. Maria Mies und Prof. Veronika Bennholdt-Thomsen). Für Situationen, wo Geld als Tauschmittel benötigt wird, gibt es ein Geldsystem ohne Zinsen. Jedes Lebewesen, das auf die Erde kommt, hat ein Recht, hier kostenlos zu leben. In Mehr-Generationen-Gemeinschaften sind Kinder und ältere Menschen inkludiert. Egalitäre Gemeinschaften entscheiden direkt-demokratisch. Wir können uns eine Verfassung geben, der zum Beispiel der folgende Auszug aus dem Matriarchalen Manifesta zugrunde liegt, das von der Akademie HAGIA bereits 2011 formuliert wurde:       

 

Das Leben ist kostbar. Frauen sind kostbar und müssen geehrt und respektiert werden. Jedes Mädchen hat ein Recht auf Bildung. Kinder, Tiere und Pflanzen sind kostbar. Menschliche Wesen zu versklaven, zu vergewaltigen, zu foltern und zu töten, ebenso Tiere zu quälen – egal durch wen – wird nicht mehr länger geduldet. Alles Töten muss aufhören.

 

Wir widersetzen uns allen Systemen von Gewalt, Zwang und Unterdrückung und setzen an ihre Stelle Respekt, Freiheit, Sicherheit und Liebe.

 

Mutter Erde ist kostbar. Unsere natürliche Umgebung mit giftigen Chemikalien oder radioaktiven Stoffen zu verschmutzen wird nicht mehr länger geduldet. Von den Verursachern wird verlangt, dass sie ihren „Dreck“ selbst wegräumen.

 

Der Ozean ist der Mutterschoß allen Lebens. Unser Wasser wird durch Kohlendioxid- Säure, chemischen Abfall, schwimmenden Müll zerstört und jetzt durch hohe Dosen von Radioaktivität verseucht. Wir verlangen, dass unsere Meere und alle Lebensformen darin vor weiterer Verseuchung und Vernichtung geschützt werden.

 

Wir rufen alle Nationen auf, die Probleme mit ihrem nuklearen Müll sofort zu regeln und ihr Energieverhalten zu ändern, indem sie ungiftige, erneuerbare Energiequellen erschließen und gleichzeitig ihre Energieverschwendung drastisch reduzieren. Es ist äußerst dringend, die Wälder, Flüsse und Gebirge zu schützen und das Recht indigener Völker auf ihr angestammtes Land zu respektieren.

 

Mutter Erde schenkt uns ihre Schätze freiwillig. Diejenigen von uns, die im Überfluss leben, sollen mit denen teilen, die weniger haben. Der hemmungslose Konsum muss überwunden werden.

 

Wir achten den Wert aller körperlichen Arbeit und rufen die Völker auf,  jede Arbeit gerecht zu bezahlen und gleiche Arbeit gleich zu bezahlen. Wir achten ebenso alle unbezahlte Arbeit, ganz besonders die von Müttern. Wir fordern eine sichere Lebensbasis jenseits des Geldsystems für alle Menschen.

 

Wir stellen nachdrücklich fest, dass es ein Angriff auf die Menschheit und eine Bedrohung unserer Mutter Erde ist, in die normalen Funktionen des planetarischen Systems einzugreifen, sei es für zivile oder militärische Zwecke, wie es beispielsweise durch radioaktive Verseuchung, genetische Manipulation und Manipulation der Erde geschieht. Wir erheben insbesondere Einspruch gegen die Manipulation der natürlichen Kreisläufe der Erde, sei es in der Atmosphäre und Ionosphäre, sei es in der Erdrotation. Diese stellen ein Risiko für die gesamte Biosphäre dar. Wir verlangen Diskussion über solche Projekte in voller Öffentlichkeit und die Aufhebung der Geheimhaltung.

 

Bleibt zuletzt noch eine Zukunftsfrage: Warum also warten wir auf Politik, Wissenschaft und Technik, um Lösungen umzusetzen, die vielfach schon da sind? Wir können doch mehr als nur Plakate hochhalten oder den Klimastreik-Kindern applaudieren. 

 

UF/Fotos: CG

 

Textauszug Matriarchales Manifesta mit freundlicher Genehmigung von Akademie HAGIA e. V.

 

Weitere Informationen unter www.hagia.de, www.matriacon.de