Natürlich schwanger ohne Mann?

 

Die Möglichkeit als Frau ohne Beteiligung eines Mannes und dennoch auf natürliche Weise schwanger zu werden, ist für viele unvorstellbar. Deshalb ist die Wieder-Entdeckung, der Parthenogenese - im Volksmund als „unbefleckte Empfängnis“ oder „Selbstbefruchtung“ bekannt - nicht nur bei den Tieren, sondern auch bei uns Menschen-Frauen eine Sensation. Die Pionierin Marianne Wex leistet seit über dreißig Jahren fast als Einzige auf diesem Gebiet umfassende und fundierte Forschungsarbeit. Ursula Fournier führte das spannende Gespräch mit Marianne Wex und gewann dabei viele verloren gegangene Perspektiven der weiblichen Gebärkraft zurück. 
Frau Wex, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahrzehnten mit der „Parthogenese“, einem Bereich der weiblichen Fruchtbarkeit, den man als „Geheimwissen“ bezeichnen kann. Die Parthogenese ist die Empfängnis eines Kindes ohne Beteiligung eines Mannes. Dies ist offenbar nicht nur im Tierreich, sondern auch bei Frauen möglich. Wie haben Sie das entdeckt?
Zu meiner eigenen Überraschung begann ich mich Anfang der 80ger Jahre, als ich etwa fünf Jahre in Neuseeland lebte, für die Parthenogenese zu interessieren. Die zentralen Themen meines Lebens waren die Möglichkeiten der Selbstheilung und Regeneration. In dieser Zeit begegnete mir die menschliche Parthenogenese in diversen Briefen und auch in mündlichen Berichten.Was hatten all diese Informationen mit mir zu tun? Ich wusste es nicht, beschloss aber, die wichtigsten Nachrichten aufzuheben. Nach meiner Rückkehr nach Europa folgte ich verschiedenen Einladungen zu Vorträgen und Ausstellungen, in denen es um die „weibliche“ und „männliche“ Körpersprache ging. Bei diesen Anlässen ließ ich immer mal wieder einiges von dem, was mir über die Parthenogenese zugänglich geworden war, mit einfließen. Immer häufiger wurde ich nun darauf angesprochen, diese Informationen in einem Buch zusammen zu stellen. Der wichtigste Impuls für weitere Nachforschungen waren die zahlreichen Berichte über das kaum bekannte Leid, das für viele Frauen darin besteht, dass sie und ihre Umwelt, auch die medizinische, praktisch nichts über die parthenogenetische Gebärfähigkeit zu wissen scheinen. Auf diesem Hintergrund formte sich in mir im Laufe der Jahre ein Gesamtbild unter medizinischen, biologischen, anthropologischen und historischen Gesichtspunkten, welches ich erstmals 1992 in Buchform veröffentlichte.
 
Bei Recherchen zum aktuellen Forschungsstand stößt man unweigerlich auf den Namen des renommierten Molekularbiologen Prof. Dr. Rudolf Jaenisch vom "Massachusetts Institute of Technology", der die menschliche Parthenogenese als Wissenschaftler öffentlich bestätigt haben soll. Könnte man sagen, dass diese Wieder-Entdeckung der partenogenethischen Schwangerschaft beim Menschen ein Nebeneffekt der Stammzellenforschung ist, der jedoch weitgehend verschwiegen wird?
Die vielfältigen Experimente, menschliche Nachkommen mechanisch, das heißt außerhalb der mütterlichen Wärme und der fühlenden, denkenden, körperlichen Präsenz der Mutter, in Geräten zu entwickeln, scheint die Parthenogenese schließlich unübersehbar zum Vorschein gebracht zu haben. Offensichtlich war das ein nicht geplanter Nebeneffekt. In der „Mainstreamforschung“ (der offiziellen biologisch-schulmedizinischen Forschung) wird die Parthenogenese in Verbindung mit dem Menschen bis heute dennoch als „wissenschaftlich nicht beweisbar“ ignoriert.
 
Bei einer parthenogenetischen Empfängnis kommt es offenbar überwiegend zu Mädchengeburten. Wobei ich auch die Informationen gefunden habe, in seltenen Fällen entwickle sich auch ein männliches Baby. Was stimmt denn nun? Und ist das männliche Y-Chromosom, das den Mann zum Mann macht, eigentlich auch ein weibliches X-Chromosom, dem nur ein Ende fehlt?
Nach meinen Informationen entwickeln sich in unserer derzeitigen erdgeschichtlichen Phase menschliche Embryonen in den ersten drei Monaten allgemein geschlechtsunabhängig, das heißt, in der Weise, die wir „weiblich“ nennen. Diese Seinsweise können wir auch als „eingeschlechtlich“ betrachten. Chromosomen scheinen sich durchgehend in x – form–ähnlichen Gebilden zu entfalten. Im Zellkern, dem so genannten Genom, bilden die Chromosomen mit dem genetischen Sein eine vollkommene Einheit. Der Begriff „Genom“ bezieht sich auf die Gesamtheit des genetisch, chromosomischen Lebens eines Zellkernes. Da das Genom flüssig ist (was nur sehr selten erwähnt wird), ist diese chromosomisch-genetische Einheit ganz besonders beweglich und wandlungsfähig. Die chinesisch-britische Wissenschaftlerin Mae-Wan Ho sagt dazu in ihrem Buch "Genetic Engineering - Dream or Nightmare": „Gene und Genome müssen flüssig und anpassungsfähig sein, um ihre Stabilität zu bewahren und auf Umwelt-herausforderungen reagieren zu können“. Nach Mae-Wan Ho gibt es tatsächlich keine einzelnen Gene, kein konstantes, in sich abgegrenztes einzelnes genetisches Sein, statt dessen Konzepte, nach denen Abschnitte auf Chromosomenformen theoretisch festgelegt und graphisch dargestellt werden. Dabei handelt es sich um keine natürlichen Chromosomenformen, sondern ebenfalls um modellhafte Darstellungen. Diese werden auch als „Ideogramme“ bezeichnet.
 
Neben der einfachen Zellteilung war die Parthenogenese in der Evolution die längste Zeit die einzige Fortpflanzungsform. „Männchen“ gibt es also noch gar nicht so lange. Sind sie die „Ausnahme“ in der Natur?
Aus meiner Sicht können wir das alles nicht wirklich wissen. Das vielfältige Leben wird oft qualvoll normiert. Wie wunderbar uns Mutter Natur auf Fragen antworten kann, habe ich beispielsweise auch bei meinen Studien mit Blattläusen erkannt (meinen Artikel darüber kann man in Zeitschrift „Matriaval“ nachlesen).
 
Bei meinen Recherchen stieß ich auf die Frage eines Mannes, ob man bei Mädchengeburten einen Mutterschaftstest machen könne. Wenn die männliche Spermie die Eizelle der Frau nur durch Berührung zur Teilung angeregt habe (da sie nicht mit ihr verschmolzen ist), wäre das Kind eigentlich durch Parthenogenese entstanden. Das Kind hätte in diesem Fall keine Gene des Mannes. Die Frage zielte wohl darauf ab, eine Vaterschaft auszuschließen. Wie kann man eine parthenogenetische Schwangerschaft sicher nachweisen?
Zum Vaterschaftsbeweis: Für den Beweis einer Vaterschaft konnte bis heute, also bis ins 21ste Jahrhundert, kein biologisch-, medizinisch–wissenschaftliches Beweisverfahren entwickelt werden. Ersatzweise kommen deshalb die so genannten DNA–Untersuchungen zur Anwendung. Im Roche Medizin-Lexikon heißt es zur„Vaterschaftsausschlußchance (VACH)“, der Vaterschaftsnachweis sei für einen untersuchten Mann nur als statistische Wahrscheinlichkeitsaussage möglich. Zum Mutterschaftsbeweis: Das irgendein Mensch auf die Idee kommen könnte, von einer Mutter einen Mutterschafts-beweis zu fordern, und das sogar, wenn ein Kind unter Zeugen in einer medizinischen Institution zur Welt gekommen ist, hätte ich nie für möglich gehalten, bis ich in der Online - Enzyklopädie "Wikipedia" die Geschichte von Lydia Fairchild und ihren drei Kindern fand. Über Lydia Fairchild gibt es auch den amerikanischen Dokumentarfilm "“The Twin Inside Me" (deutsch: „Der Zwilling in mir").  
In "Wikipedia" heißt es, "Lydia sei einer der seltenen Fälle einer menschliche „Chimäre“. Das ist ein Mensch, der nicht von einer befruchteten Eizelle abstammt, sondern von einer Kombination mehrerer Zelllinien mit unterschiedlichen Chromosomensätzen. Die fremde Zelllinie stammt vermutlich von einer anderen befruchteten Eizelle, die sich dann mit dem Embryo verband. Lydias Erbgut entspricht dem, das eigentlich von der Großmutter ihrer Kinder erwartet wurde. Es wurde auch festgestellt, dass das Erbgut ihrer Hautzellen nicht mit dem ihrer Kinder übereinstimmte, jedoch Proben ihres Gebärmutterhalses. Im „New England Journal of Medicine“ findet sich ein ähnlicher Fall. Im Jahre 1998 benötigte die 52-jährige Bostoner Lehrerin Karen Keegan eine Spenderleber. Als ihre drei erwachsenen Söhne als mögliche Spender abgeklärt wurden, stellte man fest, dass zwei von ihnen angeblich nicht ihre Kinder sein konnten. Weitere Tests ergaben schließlich, dass Karen eine „Chimäre“ ist."

Mutterschaft und Vaterschaft wurden, statt wissenschaftlich weiter zu forschen, hilfsweise auf biologische Konzepte und statistische, rechnerische Messungen reduziert. Diese dienen bis heute als Grundlage zur Beurteilung und praktisch auch zur Verurteilung. Um den Begriff „Beweis“ zu vermeiden wird oft, zum Beispiel vor Gericht, vom „Vaterschaftstest“ oder von der „Vaterschaftsausschlusschance“ gesprochen. Auf dem Hintergrund der jeweiligen Statistik und des sogenannten „Statistikgeheimnisses“ wird die suggerierte Wissenschaftlichkeit vollends absurd. Unter Statistikgeheimnis versteht man, laut Wikipedia, "die Verschwiegenheitspflicht der Mitarbeiter von Statistischen Ämtern. Aus der strikten Anwendung des Statistikgeheimnisses folgt, dass, außer den zur Geheimhaltung verpflichteten Mitarbeitern der statistischen Dienststellen, niemand erfährt, welche  Einzeldaten bei Statistiken erhoben wurden."
Spinnen wir diesen Gedanken einmal umgekehrt weiter. Die Parthenogenese ist tatsächlich ein Politikum. Zum Beispiel wenn man bedenkt, dass nach jüngster Rechtssprechung eigentlich jeder Mann nach einem One-Night-Stand eine Frau, die ein Kind geboren hat, gerichtlich „verfolgen“ kann. Wenn es eine anerkannte Tatsache wäre, dass Kinder auf natürliche Weise ohne Väter im Leib ihrer Mutter entstehen können, würde dies das aktuelle Familienrecht auf den Kopf stellen?
Ganz sicher und nicht nur das Familienrecht! Vielleicht würde sich damit das menschliche Bewusstsein so grundlegend verändern, dass wir alle mit der Kreativität der Natur in uns  und in unserer Umwelt vertrauter und damit sehr viel glücklicher würden.
 
Im Labor ist es angeblich nicht schwierig, Parthenogenese künstlich auszulösen. Da eine Labor-Situation auf Vorgängen in der Natur basiert, scheint es logisch, dass es bei einer Frau unter „laborähnlichen Umständen“ auch zu einer natürlichen, spontanen Parthenogenese kommen kann. Man findet darüber aber nur sehr vage Angaben. Als Auslöser der Zellteilung sei nur ein Stimulus nötig, der die Aufgabe erfüllt, die üblicherweise das Spermium bei der Befruchtung übernimmt. Bisher funktioniert die uns bekannte Fortpflanzungsweise des Menschen sehr gut. Wenn man die Überbevölkerung betrachtet, sogar fast zu gut. Frauen und Männer sind auch ganz zufrieden, mit Sex ein Kind zu zeugen. Aber wenn eine Frau eine parthenogenetische Schwangerschaft für sich in Betracht zieht, woher bekommt sie wirklich fundierte Informationen?
Die gibt es nicht.
 
Könnten Sie uns abschließend erklären, was der Unterschied zwischen einem „Klon“ und einem parthenogenetischen Kind ist? Aufgrund des genetischen Fingerabdrucks müsste eine parthenogenetische Tochter doch eigentlich ein „Klon“ der Mutter sein?
Nichts in der Natur ist identisch, keine Zelle, kein Blatt, kein eineiiger Zwilling. Unter dem Gesichtspunkt der Manipulationen, die in Laboratorien vorgenommen werden, bedeutet „klonen“ die Fortpflanzung eines Lebewesens, bei dem der Kern einer Eizelle durch einen anderen Zellkern ersetzt wird. Dieser andere Zellkern kann, wie es in der offiziellen Wissenschaft heißt, aus jedem Teil desselben Körpers und auch von einem anderen Lebewesen - Frau, Mann, Tier - gewonnen und in die kernlos gemachte Eizelle eingesetzt werden. Die bereits erwähnte Wissenschaftlerin Mae - Wan Ho warnt dringend vor den  Manipulationen und Versuchen mit Menschen und Tieren, die aus ihrer Sicht in keiner Weise abgesichert sind und ständig immenses Leid verursachen. Ein Großteil der  heutigen Wissenschaft reduziere seine Erkenntnisse auf Einzelbeobachtungen und auf den Einzelnutzen, ohne die Lebenszusammenhänge ganzheitlich zu sehen und ohne andere Forschungsergebnisse zu berücksichtigen. Indem wir Leben organisch, lebendig, in unserem eigenen Inneren wahrnehmen, können wir mit den unendlichen Kräften der sich in jedem Moment erneuernden Natur zutiefst und hilfreich vertraut werden.
 
Frau Wex, ich bedanke mich sehr herzlich für diese inspirierenden Einblicke und wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft für Ihre „Ausgrabungsarbeit“ dieses verschütteten Frauen-Wissens. UF

Weitere Informationen finden Sie unter www.marianne-wex.de
Von Marianne Wex ist das Buch „Parthenogenese heute“ erschienen (edition frauenmuseum wiesbaden), auch in italienischer und japanischer Übersetzung

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Marianne Wex; unten: CF