Frieden im Mutterland und Trauma-Heilung im Vaterland

Wonach sehnen wir uns - vielleicht schon unser ganzes Leben lang? Ich habe das Bedürfnis, gehört und gesehen zu werden. Ich möchte mich sicher, geborgen und angenommen fühlen. Ich brauche Verbundenheit mit anderen Menschen. Ich  möchte mit ihnen in Kontakt sein und ehrlich mit ihnen kommunizieren können. Ist das möglich?

 

Wir können es noch kaum glauben: Ohne jahrelange Therapie oder spirituelle Übungen können wir jetzt und hier in einen entspannten Zustand gelangen, in dem sich Ängste, Blockaden, Ohnmacht, Trauer und Gefühle der Getrenntheit und viele andere Konflikte unmittelbar in eine Lösung begeben. Der innere Zustand des Nervensystems verändert sich spürbar und dauerhaft. Wir selbst, zahlreiche unserer Freundinnen aus anderen Städten und viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland und dem Ausland, die sich im Internet melden, haben diese Erfahrung gemacht, nachdem wir uns an unseren jeweiligen Wohnorten einer lokalen Gruppe nach Gopal Norbert Klein angeschlossen hatten.

 

Dort können wir erlernen, wie wir sichere Verbindungen herstellen und unser tiefstes Nervensystem so regulieren, dass wir uns entspannen. Wir können die Erfahrung machen, dass wir im Kontakt die Autonomie nicht verlieren, wenn wir unsere Bedürfnisse ehrlich kommunizieren  – ohne Angriff, Trennung oder Ohnmachtsgefühle. Dabei geht es nicht um eine spezielle therapeutische oder spirituelle Methode, sondern um ein Potenzial, das in uns allen ursprünglich vorhanden und wirksam ist. Die Gruppen brauchen keine Therapeutinnen oder Therapeuten zur Gruppenleitung. Nach einer kurzen Anleitung kann jede und jeder eine solche Gruppe ins Leben rufen. (www.traumaheilung.net)

 

Ohne großen Aufwand reguliert sich in der Gruppe unser Nervensystem, was uns ein Grundgefühl von Sicherheit zurückgibt. Jede und jeder hat zehn Minuten Redezeit, in der sie oder er nur über das spricht, was gerade auftaucht – im Körper, in den Gefühlen und in den Gedanken. Die anderen hören ihr oder ihm aufmerksam zu und blicken sie oder ihn dabei an. Es werden keine Geschichten erzählt und keine Kommentare abgegeben. Plötzlich verändert sich etwas grundlegend in unserem Zustand – unser Nervensystem entspannt sich.

 

Frieden im Mutterland

Tatsächlich gibt es hier und heute Menschen in Matriarchaten, die schon immer so leben. Diese Menschen leiden nicht. Sie sind entspannt und zufrieden und leben in sicheren Verbindungen. Sie hören sich zu und blicken sich dabei an.

 

Wir sehen sie in den Dokumentarfilmen von Uschi Madeisky und Dagmar Margotsdotter aus den bestehenden Matriarchaten der Mosuo in China (Wo die freien Frauen wohnen) und der Minangkabau in Indonesien (MUTTERLAND). Wir verstehen jetzt, warum die Zuschauerinnen und Zuschauer in den Filmvorführungen oftmals so berührt sind, dass auch Männer weinen. Vielleicht, weil sie dort moderne Menschen sehen, die in der sicheren Verbundenheit ihrer Gemeinschaften miteinander leben –  geborgen, friedlich, entspannt, frei, fröhlich und stets einander zugewandt.

 

Fünf Generationen der matriarchalen Gemeinschaft von Yelfia, Mutter von zwei Töchtern und Deutschlehrerin, die wir in dem Film „MUTTERLAND“ kennenlernen, wohnen in einem großzügigen Haus am Stadtrand. Auch Yelfias Ehemann, denn bei den Minangkabau ziehen die Männer ins Haus der Frau. Wir sehen ausgeglichene, in sich ruhende Kinder, Mütter, Großmütter und Urgroßmütter und Männer ohne großes Gehabe, aber voller Energie. Das Wohl der Gemeinschaft steht bei allen im Vordergrund. Alle sind materiell und emotional gut versorgt und sorgen gegenseitig füreinander. 

 

In der Geschichte matriarchaler Völker sind keine Kriege bekannt. Die Beziehungen matriarchal zivilisierter Menschen gründen auf sicherer Verbindung, Kontakt und Kommunikation. Unstimmigkeiten werden geklärt, indem ein Konsens gefunden und  Frieden angestrebt wird. Sie teilen ihre materiellen Ressourcen. Sie leben im Einklang mit der Natur und dem „Adat“. Der Begriff stammt aus der arabischen Sprache, wo er so viel wie „Tradition“ bedeutet. Damit ist die mütterliche Ordnung des Lebens und im ganzen Universum gemeint.

 

Matriarchale Gemeinschaften kennen keine soziale Trennung und Getrenntheit der Menschen und deren krankmachende Auswirkungen. Es gibt in ihren Mutterländern keine Kinderkrippen und keine Altenheime. Isolation, Einsamkeit und Verarmung einzelner sind nicht möglich. Yelfia weinte, als ihr bei einem Besuch in Deutschland ein Altenheim gezeigt wurde. Kennt sie es doch so völlig anders, wie eine Szene in „MUTTERLAND“ zeigt, in der ein erwachsener Enkelsohn die Arme seiner Urgroßmutter liebevoll mit einer Kokos-Salbe eincremt und massiert. Die sehr alte Frau ist eingebettet in der Fürsorge und Geborgenheit im Haus ihrer großen Familie.   

Trauma-Heilung im Vaterland

Nun ist die Forschung soweit und kann erklären und begründen, dass wir genau das brauchen, was diese Menschen zu tun pflegen. Und inzwischen sind wir soweit, dass wir durch die Erkenntnisse aus der Neurophysiologie und der Trauma-Heilung einen Schlüssel bekommen haben, der uns die Tür öffnet, diesen Zustand der Ausgeglichenheit und des Frohsinns auch in uns wieder herzustellen.

 

Die meisten Menschen, die in einem patriarchalen Vaterland leben, können von sich nicht sagen, dass sie sich sicher und verbunden fühlen. Die Not der verlorenen sicheren Verbundenheit prägt traumatisierte Gesellschaften. Die Traumatherapeuten Gopal Norbert Klein aus Dresden und Prof. Dr. Franz Ruppert aus München sprechen davon, dass hier beinahe jeder Mensch traumatisiert ist. 

 

Die Forschungen zeigen nun, wo sich diese Zustände, die meist in der Kindheit entstanden sind, festgesetzt haben: in unserem Nervensystem. Es hat sich erwiesen, dass das Nervensystem, mit dem wir in der Gegenwart leben, aus ungefähr den ersten drei  Lebensjahren stammt. Wir leben also immer noch unsere Kindheit. Dann belügt uns unser Nervensystem, wie es der Trauma-Therapeut Gopal Norbert Klein ausdrückt.

 

Trauma ist eine Anpassungsleistung an einen Notzustand, in den das Stammhirn meist in der frühen Kindheit geraten ist. Zunächst dient die Reaktion des Nervensystems als Schutz vor Gefahr, wenn keine Kampf-Flucht-Reaktion möglich ist. Wenn das Nervensystem jedoch langfristig in diesem Zustand gefangen bleibt, beeinträchtigt er das Leben des Erwachsenen und wird als Leiden erlebt. Wir reagieren dann auch in einer sicheren Situation so, als ob immer noch die gleiche Bedrohung oder Lebensgefahr wie für das Kind vorhanden wäre. Zu Traumatisierung führt neben Gewalterfahrungen auch eine zu frühe Trennung des Kleinkindes von seiner Mutter. Trauma betrifft also nicht nur Menschen, die eine Katastrophe erlebt haben.

 

Der Trauma-Therapeut Gopal Norbert Klein beschreibt Trauma als einen Körperzustand im Nervensystem, der sich psychisch auswirkt, dessen Heilung jedoch auf der körperlichen Ebene ansetzen muss. Er erklärt, das letzte Ziel des Nervensystems sei immer die Entspannung. Dann ist der Organismus im Gleichgewicht. Im ganzen Körpersystem kehrt Frieden ein. Gopal Norbert Klein bezieht sich dabei auf die Erkenntnisse von Stephen W. Porges, Professor für Psychiatrie und Biomedizintechnik an der Universität Illinois in Chicago und dessen  1995 veröffentlichte „Polyvagal-Theorie“. Seit der Polyvagal-Theorie wissen wir, dass Stress und Angst keine Emotionen sind, sondern ein Zustand, in dem sich das Nervensystem befindet. Der Begriff „polyvagal“ bedeutet, dass der Vagus-Nerv, der zentrale Nerv des parasympatischen Nervensystems, verschiedene Funktionen hat, die bis dahin noch nicht erforscht und berücksichtigt worden waren. (Heilung von Beziehungen; www.traumaheilung.net)

 

Wie wirken sich die Trauma-Folgen aufgrund eines „nicht aktualisierten“ Nervensystems auf die Gesellschaft aus? Prof. Franz Ruppert beschreibt, wie dann „jeder Einzelne ein Rädchen in einem chaotischen Gesamtgetriebe ist, das durch äußere Rahmensetzungen mit viel Gewalt und Propaganda „in Ordnung“ gehalten werden soll. Menschen (…) sind kaum in der Lage, sich selbst zu regulieren. Das haben sie nie richtig gelernt. Daher sind sie abhängig davon, dass ihnen von außen Ziele vorgegeben werden“ (Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft).

 

Wie solche von vielen Medien und Politikern verwendeten Propaganda-Methoden in den Menschen verfangen, macht Dr. Daniele Ganser deutlich. Der Schweizer Historiker und Friedensforscher befasst sich mit dem Zeitgeschehen seit 1945. In seinem Vortrag in München am 19. September 2019 „Kriegspropaganda. Wie unsere Gedanken und Gefühle gesteuert werden“ zeigte er auf, wie durch gezielte Bildfälschungen, Lügen oder nicht kommunizierte Informationen eine Vielzahl von Menschen dahingehend gelenkt werden, propagierte Feindbilder und Gefahren unhinterfragt zu übernehmen und dementsprechend zu reagieren (www.danieleganser.ch).

 

In einem nicht regulierten Nervensystem bestimmt Angst das Erleben der Welt, so dass ständig das Schutz- und Abwehrsystem hochfährt. In der Folge werden Rüstungsetats  erhöht, unzählige Kriege geführt und durch Waffenexporte unterstützt. Dies, obwohl viele Menschen eigentlich für den Frieden eintreten wollen und, wie Dr. Daniele Ganser betont, alle Kriege illegal sind. Er zitiert hierzu auch die UNO-Charta, in der das Gewaltverbot verankert ist, das verlangt, dass alle UNO-Mitgliedstaaten „in ihren internationalen Beziehungen jede Androhung oder Anwendung von Gewalt unterlassen“.

 

In traumatisierten Gesellschaften dulden jedoch viele Menschen die Zuwiderhandlung gegen dieses Gebot aufgrund von Manipulation und „Framing“ und bleiben aufgrund ihres Ohnmachtsgefühls und der inneren Täter-Opfer-Strukturen passiv. Dies hat wiederum weltweit dramatische Folgen, wie am Beispiel des Irak-Kriegs deutlich wird, in dem seit 2003 „mehr als 1 Million Menschen starben. Die Geschichte mit den ABC-Waffen stellte sich später als Lüge heraus …“, wie Dr. Daniele Ganser erklärt (Das Kriegsverbrechen, siehe unter www.rubikonnews.de).  

 

Weitere verheerende Folgen sind laut Prof. Franz Ruppert „… massenhafte Ausbeutung, Armut, Diskriminierung und Mobbing“ und „soziale Symptome wie ein hoher Prozentsatz von Babys, die zu früh und  zu lange von ihren Müttern getrennt werden, (…), sowie „hohe Raten von ‚Schulversagern‘“ und „weit verbreitete Geldarmut in allen Lebensaltern“ (Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft). Auch Gopal Norbert Klein bezeichnet die Trennung des Kindes von der Mutter in den ersten drei Lebensjahren als „kompletten Irrsinn, da es lebenslanges Leiden produziert“ (Interview mit Stefan Kutter; http://lebendig-projekt.stefankutter.de). Traumatisierte Menschen erhalten daher willentlich oder unwillentlich patriarchale Gewalt- und Machtsysteme aufrecht.

 

Jedoch gibt es eine Perspektive auch für solche Gesellschaften, die „völlig vom Weg abgekommen und verloren sind“, die Gopal Norbert Klein entwirft: „Wenn wir es schaffen, mit dem Kämpfen aufzuhören und uns mitzuteilen, (…) entsteht Frieden, und das Leiden ist zu Ende“ (Heilung von Beziehungen). Unser Nervensystem braucht Sicherheit durch sichere Verbindungen in kleinen Gemeinschaften, um sich zu entspannen. Denn wir sind Säuge- und Rudeltiere, deren Nervensystem auf sozialen Kontakt ausgelegt ist. Der Schlüssel für eine lebenserhaltende Gesellschaft nach dem Vorbild matriarchaler Mutterländer liegt in der Heilung des Nervensystems.

 

UF/Fotos und Cover: mit freundlicher Genehmigung von Uschi Madeisky, Gopal Norbert Klein, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH

 

Weitere Informationen und Videos unter www.matriacon.de, www.traumaheilung.net, www.danieleganser.ch