Muttersippe gesucht!

Die meisten „alleinerziehenden“ Mütter bleiben in einem patriarchalen Umfeld fast völlig allein zurück, wenn ihre Kinder ausziehen. Auch diejenigen mit Partner teilen dieses Los spätestens dann, wenn er vor ihnen verstirbt. Gezwungenermaßen müssen Mütter nach dem Auszug von Tochter oder Sohn noch einmal „von vorne“ anfangen, obwohl ihr Leben für sie bisher vollkommen stimmig war. Denn mit niemand anderem gestaltet sich ein Zusammenleben in einer gemeinsamen Wohnung vertrauter und inniger als mit dem eigenen Kind. Auch wenn die Tochter oder der Sohn erwachsen und eigenständig ist, bleibt die Verbundenheit, Nähe, Vertrautheit und natürliche Gemeinschaft bestehen. Es ist daher eine schwere und schmerzvolle Trennung, wenn Töchter und Söhne das mütterliche Zuhause verlassen. 

 

Trauer als Folge der zerstörten Muttersippe

Frauen reagieren darauf mit Angst- und Trauerreaktionen bis hin zu körperlichen Symptomen. Es gibt Vermutungen, dass die in westlichen Kulturen verbreitete Altersdemenz eine Flucht vor dem Verlust der Verbundenheit ist. Über die Verlassenheitsgefühle und die Trauer zu sprechen, ist sehr oft noch tabu, wenn Klischees wie das von der „anklammernden Mutter, die nicht loslassen kann“, greifen. Auch andere Mütter sind oftmals nicht solidarisch mit einer Alleingelassenen. Vielmehr machen sie ihr noch ein schlechtes Gewissen, wenn sie nicht „auf Knopfdruck“ wieder in die Rolle der autonomen Single-Frau schlüpft, die „ihren Kindern nicht im Weg stehen möchte“. Solche Sprüche verfolgen Frauen bis in die Prime-Time-Serien hinein und suggerieren, dieses Verhalten sei „normal“ oder angemessen. So fühlen sich Mütter mit Gefühlen, die davon abweichen, noch isolierter.

 

Die patriarchale Verdrängungsstrategie besteht darin, sich die Einsamkeit als wieder gewonnene Freiheit und die Getrenntheit von Tochter und Sohn als Ideal von mütterlicher Großzügigkeit schönzureden. „Jetzt musst du eben wieder dein eigenes Leben führen“, sagte Andrea* auf meine Nachfrage, wie es ihr damit geht, dass sie ihr ganzes Haus „für sich allein“ hat, nachdem ihre beiden Kinder fort sind.

Wenn ich mich erinnere, wie bewusst ich mich inzwischen zwei Jahrzehnte lang über das Leben mit meiner Tochter gefreut und dieses für uns gestaltet habe, frage ich mich ernsthaft, wie eine auf die absurde Idee kommen kann, dass diese zwanzig Jahre nicht „mein eigenes Leben“ gewesen sein sollten? Solch patriarchöse Verdrehungen verwirren, so dass wir die Wunde nicht ernst nehmen, die dieser „Ein-Schnitt“ im Herzen der Mutter hinterlässt. Nicht nur dort, denn von der Neurobiologin Louann Brizendine wissen wir, dass das Gehirn einer Mutter ihr Leben lang mütterlich „tickt“, und die Trennung vom Kind immer als bedrohlich erlebt („Das weibliche Gehirn“, 2006). 

 

Not als Folge des nicht vorhandenen existenzsichernden Kontinuums 
Erschwerend kommt für viele geschiedene Frauen noch hinzu, dass sie nach dem Auszug der Kinder für das Zuhause, das jetzt zu groß und zu teuer für eine einzelne Person ist, ganz allein aufkommen müssen. Ehescheidungen haben in der Regel gravierende Auswirkungen auf die finanzielle Ausstattung der Frauen (in den letzten zehn Jahren waren in Deutschland jedes Jahr etwa 150.000 minderjährige Kinder und Jugendliche von der Scheidung ihrer Eltern betroffen; Stand 2013; aus: Matthias Franz/Andre Karger (Hg.), Scheiden tut weh. Göttingen, 2013; S. 80) ebenso wie ihre natürlich-mütterliche Entscheidung, ihren Kindern mehr Zeit und Zuwendung zu widmen als einer beruflichen Karriere. Wenn nun auch noch die Kinder das Mutterhaus verlassen, fallen neben dem eigenen Unterhalt auch das Kindergeld und der Wohnkostenanteil aus dem Kindesunterhalt weg. In Universitätsstädten behelfen sich manche Mütter mit Untervermietungen an Studentinnen. Carina*, die gerade 60 Jahre alt geworden ist, erzählt mir, dass diese Not-Wohngemeinschaft für sie jedoch „nicht einfach und mit vielen Einschränkungen verbunden ist“.

Funkstille als Folge zerstörter Bindungen 
Viele Großmütter klagen über die seltenen Anrufe und Besuche der Kinder und Enkelkinder. Noch bedrückender erleben sie die „Funkstille“, wenn sie von ihren erwachsenen Kindern verstoßen werden. Die betroffenen Frauen quälen sich mit Selbstzweifeln, um die Unfassbarkeit der zerstörten Bindung begreifen zu können. „Warum verfluchten sie mich? Warum wollten sie keinen Kontakt zu mir? Warum dieses Verschwinden“, fragte sich Birgit Belau jahrelang, nachdem ihre beiden Töchter den Kontakt zu ihr abgebrochen hatten („Verstoßene Eltern“, 2014, S. 106). 

Ebenso sehr leiden von ihren Müttern verstoßene Töchter. Lena klagt über den Verlust ihrer Mutter: „Seit 15 Jahren will meine Mutter nichts mehr von mir wissen. Sie ist jetzt 80 Jahre alt. Deshalb würde ich sie gerne noch fragen: Wie kannst Du damit leben? Wie kannst Du Deine Tochter so völlig ausblenden? Wie kannst Du ignorieren, dass Du eine Tochter hast? Wie hältst Du das als Mutter aus?“ Eine Antwort blieb ihr die Mutter bislang schuldig.Lena stammt aus der Nachkriegsgeneration. Sie gehört zu den Kindern, die in den 1950er- und 1960er-Jahren geboren wurden und die Nachkommen der schwer traumatisierten Kriegskinder sind. „Erziehung und Beziehung mit elterlicher kriegs- und bindungstraumatisierter Seele hieß in vielen Familien: eine Abwehr des Fühlens und Spürens sich selbst und dem Kind gegenüber zu errichten“, erklärt die Psychologin Bettina Alberti („Seelische Trümmer. Geboren in den 50er- und 60er-Jahre: Die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas“, 7. Aufl. 2014, S. 105). Ein Kind, das an den Gefühlspanzer der Mutter rührt, wird abgekapselt, abgewehrt und „isoliert wie die Erinnerung an das Trauma“ (ebd., S. 103). Kriege und Gewalt gegen Mitmenschen, Tiere und Natur traten in der  Menschheitsgeschichte erstmals seit ungefähr 5000 bis 8000 Jahren auf und wirken sich generationsübergreifend verheerend auf die Mutter-Kind-Beziehung aus. Aus mütterzentrierten Konsens-Gemeinschaften hingegen ist nicht bekannt, dass sie jemals einen Krieg begonnen hätten.  

Matrifokalität als Lösung
Welche Möglichkeiten haben wir also, wenn wir uns nach einem unserer weiblich-mütterlichen Natur gerechten Lebensalltag sehnen? Um die Situation zu heilen, können wir uns an matriarchalen Gesellschaften orientieren, in denen Menschen in der Muttersippe leben: „Die (Sippen)Gemeinschaft beim Menschen (bei anderen Säugetieren von uns Menschen bezeichnet als Herden, Rudel, Horden, Muttergruppen) im naturgemäßen Sinne besteht aus einer Ansammlung überwiegend konsanguiner („blutsverwandt in mütterlicher Linie“) Angehöriger. In einer überschaubaren Gruppierung verbringen aufeinander bezogene, doch in ihrer Persönlichkeit frei agierende Individuen ihren Alltag miteinander. Es ist das gelebte Kernmuster der Angehörigengruppe - der matrilinearen Sippe im Sinne einer natürlichen Mütterlichen Ordnung. Hier finden wir einen interagierenden Personenkreis, der in individueller Entscheidungsfreiheit sich in der förderlichen Nähebindung der überwiegend konsanguinen Angehörigen bewegt." (Stephanie Gogolin, www.stephanieursula.blogspot.de, 30.10.2015)

Wie ermutigend ist in diesem Zusammenhang der Bericht von KaraMa Beran in den „Mutterlandbriefen 1“. Darin beschreibt sie, wie „großmütterlicher Seelenraum manifestiert“ werden kann, wenn Mütter wieder mit ihren erwachsenen Kindern und Enkelkindern in ein gemeinsames Haus ziehen und die Muttersippe nach matriarchalem Vorbild gestalten. Wie heilsam wirkt es auf alle Angehörigen, wenn Mütter und Töchter sich wieder in der naturgemäßen Nähe ihrer „doppelten Bindung“ (Chiara Zamboni: „Denken in Präsenz“, 2013, S. 121) aufhalten dürfen. Eine gute Lösung der vielfältigen sozialen Probleme patriarchaler Familien kann ebenfalls dort beginnen, wo Menschen nicht mehr im Widerspruch zu ihrer Natur und zur mütterlichen Ordnung leben.

In einem Interview sagt die Matriarchatsforscherin und Filmemacherin Uscha Madeisky über die mütterliche Bindung der Frauen in matriarchalen Gemeinschaften: „Die stärkste Bindung, die lebenslang hält, besteht zur Familie. Damit haben sie eine Zweierbeziehung nicht so nötig. Menschen verlieben sich schon, leben aber nicht zusammen. Die Frau lädt einen Mann ein, er bleibt über Nacht und kehrt am nächsten Tag zum Hof seiner Mutter zurück. Solche Beziehungen wechseln häufiger, können nur eine Nacht, ein paar Wochen oder Jahre dauern, aber sie sind nicht wichtig. Sex muss nicht als Ersatz für Zärtlichkeit und Berührung herhalten, denn die haben die Frauen in ihrem Familienverband immer" (Frankfurter Rundschau, 03.01.2016). 
 
Gründung von Muttersippen

Was also können Frauen in unseren Regionen tun, deren Mütter, Töchter, Söhne und andere mütterliche Verwandte noch so sehr im patriarchalen Denken verhaftet sind, dass sie zur Bildung einer Muttersippe (noch) nicht bereit sind? Verbindlichkeit, Kontinuität, gegenseitige Achtsamkeit und Fürsorge als Aspekte der „mütterlichen Ordnung“ (Luisa Muraro) tragen auch eine Gemeinschaft von Frauen, die nicht ausschließlich blutsverwandt in mütterlicher Linie sind. Im Kreis von gleichgesinnten Frauen können wir eine matriarchale Frauenkultur verwirklichen, in der sich unterschiedliche Generationen zusammentun. Wir können einen Matri-Zirkel nach dem Vorbild des Rhein-Main-Matri-Zirkels ins Leben rufen. Die regelmäßigen Zusammenkünfte im Abstand von ein oder zwei Monaten können die Gelegenheit bieten, neue Lebensmodelle wie die Gründung von Muttersippen zu erkunden, die sich an matriarchalen Gemeinschaften und ihren Werten orientieren. 

* Namen von der Redaktion geändert

Birgit Belau: Verstoßene Eltern

 

196 Seiten, Paperback, Verlag BoD, 2014, ISBN 9783735769411

 

Birgit Belau schildert mutig und ergreifend die Gefühle einer von den Töchtern verstoßenen Mutter. Heute lebt sie mit der Philosophie der stolzen Hawaiianer, mit dem Hula, dem Tanz eines Volkes, wo die Familie noch heilig ist und die Alten die wichtigsten Menschen im Leben sind. Sie möchte dazu anregen, die Wurzeln - die Ahnen - zu würdigen, damit sich die Schöpfung in ihrer ganzen Schönheit entfalten kann.

 

UF/Fotos: Natur oben: CF; unten blaue Reihe: Dorothee Elfring; Cover mit freundlicher Genehmigung von Verlagsgruppe Random House GmbH; Birgit Belau

Bettina Alberti: Seelische Trümmer. Geboren in den 50er- und 60er-Jahren: Die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas

 

208 Seiten, gebunden, 7. Auflage 2010, Kösel Verlag, ISBN 9783466308668

 

Auch 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben viele jetzt ältere Menschen ihre durch die im Krieg erlebte Gewalt und Bedrohung verursachten Traumata noch nicht verarbeitet. Dies hatte Folgen auch auf die Kinder der Kriegskinder, die nun selbst den „Schmerz tragen, der „ihr eigener und doch nicht ihr eigener ist“. Viele Beispiele von Betroffenen verdeutlichen, wie sich die Folgen dieser seelischen Verletzung auswirken und welche Heilungsmöglichkeiten es gibt. Ein wichtiges Buch auch zur Situation der Kriegsflüchtlinge von heute.