Das Meer ist weg!

 

Ein Höhepunkt unseres Nordseeurlaubs war die fast dreistündige Wattwanderung mit einem professionellen Wattführer.  
Eine Gruppe von ungefähr dreißig Erwachsenen mit vielen Kindern hatte sich kurz vor sechs Uhr abends versammelt. Nach einer kurzen Vorstellung ging unser Wattführer voraus zum Deich. Oben angekommen, trauten wir unseren Augen nicht: Das Meer war bis zum Horizont verschwunden. Alle sechs Stunden zieht sich das Wasser an der Nordseeküste wie von Zauberhand zurück. Das Wattenmeer ist die größte Wattfläche der Welt. Die Ebbe legt dort einen Streifen von fünf bis zwanzig Kilometer Breite trocken. Das sind etwa 3500 Quadratkilometer.
 
Ein tolles Gehgefühl
Nachdem wir unsere Schuhe an einer Treppe abgestellt hatten, gingen wir barfuss weiter. Was für ein Gefühl für die an Schuhe und festen Boden gewöhnten Füße, die knöcheltief im weichen, schlammigen Boden versanken. Beim Auftreten machten wir platschende Geräusche. An manchen Stellen hatten wir Mühe, die Beine wieder aus dem Morast zu ziehen.
Keine Extratouren im Watt
Ein paar Möwen begleiteten uns mit ihrem zeternden Geschrei hinaus. Inzwischen waren wir an ein paar Booten, die schräg auf dem Sand lagen, vorbeigekommen. Der Wattkenner warnte uns, nicht alleine ins Watt zu wandern. „Wir mussten schon so manchen aus dem Watt ziehen“, erzählte er. Wer die Priele, die schmalen Wasserrinnen im Watt, die sehr tief sein können, nicht kennt, kann darin wie in einem Moor versinken.  
Auch die gefährlichen Muschelbänke sind für das ungeübte Auge nicht sofort zu erkennen. An bestimmten Stellen stecken scharfkantige Muscheln senkrecht im Wattboden. Der Wattführer warnte uns rechtzeitig. Nur wenn man an diesen Muschelbänken genau aufpasst, wo man hintritt, läuft man nicht Gefahr, sich schlimme Schnittverletzungen an den Füßen zu holen. Zum Glück konnten wir im Gänsemarsch hinter ihm hermarschieren.
 
Tuchfühlung mit Seehunden und Wattwürmern
Am Horizont stand die Sonne bereits tief und färbte den Himmel in einem satten Rot. Auf einer nahe gelegenen Sandbank genossen einige Seehunde die warme Abendsonne. Ein breites Priel sorgte für einen genügend großen Abstand, damit sie sich sicher fühlten. So ließen sie sich von uns nicht stören.  
Nach einer kurzen Rast, in der uns der Wattführer noch viele Informationen über die Seehundpopulation in der Nordsee mit auf den Heimweg gab, versprach er uns, zum Schluss noch einen Wattwurm auszugraben. Die Kinder waren von der Ankündigung sofort begeistert.
Es ist nicht schwer, einen Wattwurm zu finden. Abermillionen von Wattwürmern spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem des Wattenmeers. Die unzähligen Häufchen, mit denen der Wattboden übersät ist, bilden sich aus dem vom Wattwurm gefilterten und wieder ausgeschiedenen Sand. Als der Wattführer zu graben anfing, umringten ihn die Kinder gespannt. Schnell hatte er ein stattliches Exemplar auf der Schaufel und nahm es in die Hand. Das Kriechtier sieht aus wie der große Bruder vom Regenwurm. Er ist nur blutegel-schwarz, dicker und länger. Ein paar Kinder durften den Wattwurm anfassen oder selbst auf die Hand nehmen. Die meisten Mütter und Väter beschränkten sich lieber darauf, ein Foto von ihren kleinen Helden zu machen. Dann bekam der Wurm seine Freiheit wieder.
 
Wir liefen die letzten Meter zurück zum Strand. Vor uns ging der Vollmond auf, hinter uns die Sonne unter. Belebt von den vielen neuen Eindrücken, der gesunden Nordseeluft und der ausgiebigen Fußmassage kehrten wir nach diesem außergewöhnlichen Erlebnis bei Sonnenuntergang in unser Ferienhaus zurück. Fotos: UF