Weibliche Geschichte und matriarchales Weltverständnis wieder entdecken

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Landschaftsmythologie. Von der Ostsee bis Süddeutschland

 

352 Seiten, mit Karten, Grafiken und vielen Fotos, erschienen 2014, Kohlhammer Verlag, ISBN 978-3-17-022336-3
Heide Göttner-Abendroth, Philosophin, freie Wissenschaftlerin und Begründerin der modernen Matriarchatsforschung, macht auf die matriarchalen Merkmale aus der Jungsteinzeit aufmerksam, die heute noch in der Landschaft zu finden sind. Dabei werden Archäologie und lokale Mythologie kombiniert und mit dem Erscheinungsbild der Landschaften in Zusammenhang gebracht. Mit dieser dreidimensionalen Methode werden Landschaften als sakrale Räume wieder erkennbar. Die Autorin enthüllt das matriarchale Weltverständnis der jungsteinzeitlichen Kulturen: Landschaft ist ein Teil von Mutter Erde und daher weiblich. Als Berg, Fels, Quelle, Schlucht oder See formen sich ihre Züge zur lokalen Landschaftsgöttin. Die astronomischen Linien als Kult- und Kommunikationslinien, deren Verbindungen die ältesten Fernwege bildeten, werden in das Landschaftsensemble einbezogen. 
Die landschaftsmythologisch erarbeiteten Regionen sind: die Insel Rügen in der Ostsee, Thüringen und Hessen, der Rhein von der Schweiz bis Holland, der Schwarzwald bei Freiburg, das bayerische Donautal von Passau bis Straubing und der Bayerische und Böhmer Wald. Jedem Kapitel ist eine Übersichtskarte beigefügt, so dass man die Regionen damit auch bereisen und erwandern kann. Zusätzlich bereichert wird das Werk durch die erhellende Interpretation der lokalen Sagen und Geschichten. Ein Buch, auf das ich schon lange gewartet habe!  
Rezension von Gisela Lässig 

Barbara Obermüller: Die weibliche Seite der Ur- und Frühgeschichte

 

402 Seiten, über 190 farb. Abb., broschiert, Christel Göttert Verlag, erschienen 2014, ISBN 978-3-939623-46-5 
Barbara Obermüller hat das Geschichtswissen um den reichen weiblichen Anteil ergänzt. Von der Altsteinzeit bis zur Eisenzeit geht sie in Mitteleuropa Spuren nach, wie Frauen im Alltag gewirkt haben. Sie präsentiert bisher wenig beachtete Ausgrabungen, wie keltische Gräber, die Frauen als Priesterinnen und Herrscherinnen ausweisen. Immer wieder stößt sie auf die Jahrtausende währende Verehrung einer großen universalen Göttin und auf eine lange Periode ohne kriegerische Auseinandersetzungen. Auch auf Völker, die in Europa noch lange – trotz patriarchaler Überformung und Christianisierung – an den Werten ihrer mutterzentrierten und egalitär organisierten Gemeinschaften festhielten. Im zweiten Teil des Buches stellt die Autorin Hessen ins Zentrum ihrer Suche und führt uns an frühe heilige Orte – zu Quellen, Höhlen und Menhiren. Und auch in Museen und Kirchen, in denen noch Zeichen des weiblich Göttlichen zu entdecken sind. Eine übersichtliche und gut verständliche Zusammenfassung umfassender Erkenntnisse, die von Forscherinnen wie Luisa Francia, Marija Gimbutas, Heide-Göttner-Abendroth gewonnen wurden. Ein schön bebildertes Handbuch, das die Geschichte der Frauen würdigt und ins öffentliche Blickfeld bringt.
Rezension von Dr. Christa Mulack
Mit ihrem Buch hat Barbara Obermüller besonders Frauen ein wahres Füllhorn weiblicher Gaben und Fähigkeiten in die Hände gelegt, das angefüllt ist mit kulturellen Schätzen, die weiblicher Hand und weiblichem Geist entstammen. Die Autorin hat tief gegraben in der archäologischen, anthropologischen, historischen und mythologischen Literatur - um nur einige der Fachgebiete zu nennen, die in dem Buch zusammentreffen. Und das in einer klaren verständlichen Sprache, in der Fachbegriffe immer wieder erklärt und Zusammenhänge erläutert werden. Ihr Buch bietet einen tiefen Einblick in die weibliche Seite der Kulturgeschichte, die die männliche Vor-Geschichtsschreibung weitgehend - wenn nicht gar vollständig - ausblendet. Wir können uns kaum vorstellen, wie folgenreich sich diese "Unterlassungssünden" männlicher "Wissenschaft" auf das Leben und Selbstwertgefühl von Frauen ausgewirkt haben. Auf jeden Fall wurde damit unser aller Wirklichkeitsverständnis komplett verfälscht und bedarf daher einer anhaltenden Korrektur, zu der dieses Buch auf jeden Fall einen wichtigen Beitrag leistet.

Vera Zingsem: Der Himmel ist mein, die Erde ist mein. Göttinnen großer Kulturen im Wandel der Zeiten

 

590 Seiten, gebunden, viele Abbildungen, Verlag Pomaska-Brand; 1. Auflage 2008, ISBN 9783935937610

Der einzigartigen, vier Jahrtausende überspannenden Quellentextsammlung von Vera Zingsem haben wir es zu verdanken, dass die weiblichen Mythen in kulturell bedeutsamer Weise wieder in Erscheinung treten.  
Die Texte, obgleich alt, zeigen psychologisches Feingefühl und erscheinen uns durch die Erzählerin sehr lebendig in einem erstaunlich modernen Licht. Sie reflektieren das Schicksal des Menschen im Spiegel der Natur und entwickeln ein Menschenbild, in dem „Gott“, Natur und Mensch noch nicht getrennt sind: Ein neuer und faszinierender Blick auf die Entstehungsgeschichte unserer Kultur - und für Frauen eine identitätsstiftende Kraftquelle. 
Für Frauen und Männer gemeinsam bieten sie die Möglichkeit mit den Quellen der eigenen weiblichen Qualitäten in Kontakt zukommen, derer wir alle heute so dringend bedürfen. Ein Standardwerk, das ich jeder Frau empfehlen möchte. UF

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Christel Göttert Verlag; W. Kohlhammer GmbH ; Verlag Pomaska-Brand