Ein Muss für alle Mütter
Ursula Fassbender/ Holger Schumacher: Starke Kinder wehren sich. Prävention gegen Gewalt:
Das Kindersicherheitstraining.
190 Seiten, mit vielen Fotos und Abbildungen, kartoniert, Kösel Verlag, € 16,95
ISBN 978-3-466-30645-9
Ein Buch, das hält, was es verspricht. Es zeichnet sich aus durch: seine konsequente Parteilichkeit für die Opfer von Gewalt, - seinen wohltuenden Praxisbezug - seine umfassende Aufklärungsarbeit auf allen Ebenen des Problems, aber auch - die eigene Betroffenheit der Autorin, die - selbst Mutter - sich hier mit wertvollen Analysen und Ratschlägen auf der Grundlage eigener Erfahrungen zu Wort meldet.
Im ersten Teil ihres Buches beschreibt sie, in welchen Situationen Eltern gefordert sind, Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass ihre Kinder Stärke entwickeln können. Dabei steht das Recht des Kindes auf eine gewaltfreie Erziehung im Mittelpunkt, was eigentlich naheliegend ist, da es sich hierbei um ein verbrieftes Menschenrecht handelt, das auch unser Strafrecht ihnen zusichert. Doch wer weiß das schon und schert sich drum? Noch immer ist es keine Selbstverständlichkeit, das Schwächste in besonderer Weise zu schützen; denn hier fehlt es an einer entsprechenden Tradition. Selbst vielen Richtern scheint die Vorrangigkeit des kindlichen Rechts auf Schutz vor Gefahren und Gewalt nicht geläufig zu sein, sonst wären manche Argumentationen und Entscheidungen nicht möglich. Auch die Kinder selbst erfahren nichts von ihrem Recht. Wäre es daher nicht die erste Pflicht jeglicher Erziehung und Bildung, sie davon in Kenntnis zu setzen?
Weder Eltern noch Erziehungseinrichtungen sehen sich hier in der Verpflichtung, diese wichtige Aufgabe zu übernehmen. Was aber nützt Kindern ein Recht, von dem sie selbst nichts wissen und um das sich Erwachsene nicht scheren? Hier tut jene umfassende Aufklärung Not, die das Buch bietet, und zwar knapp und kompetent, auf juristischer, biologischer, psychologischer und pädagogischer Ebene. Dabei wird auch die Rolle des Vaters nicht ausgespart. Seine Aufgabe sieht die Autorin in einem "nestrelevanten Verhalten", wie sie es nennt und meint damit: Achtsamkeit, Schutz und Unterstützung für Mutter und Kinder zu zeigen und so einen Schutzkreis um sie zu bilden.
An dieser Stelle macht Fassbender unmissverständlich klar, dass Gewalt gegen Mütter immer auch Gewalt gegen Kinder bedeutet und umgekehrt. - Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die aber bedauerlicherweise weder der Justiz noch der Öffentlichkeit als solche geläufig ist.
Wo aber Väter sich weigern, ihre diesbezüglichen Aufgabe wahrzunehmen und stattdessen Mutter und Kind bedrohen, ist es Aufgabe des Staates, die Frau mit einer entsprechenden Schutzmacht auszustatten. An dieser Stelle deckt Fassbender erschreckende Defizite einer Gesellschaft auf, die sich doch so sehr Kinder wünscht.
Die Autorin zeigt ganz klar auf, was Gewalt ist und wo sie beginnt. Im Zusammenhang mit einer rückhaltlosen Aufklärung werden Täterstrategien und Manipulationsversuche transparent gemacht; denn "vor allem Sexualstraftäter benutzen verschiedene Strategien, um die gesunden Instinkte ihres Opfers auszuschalten. Die erste Gefahr für Kinder lauert also da, wo ihr Instinkt manipuliert und betäubt wird. Genau hier liegt auch ein erster Ansatzpunkt zur Gefahrenabwendung, wo wir als Mütter und Väter mit dem Schutz unserer Kinder beginnen: ihren Instinkt zu schärfen und zu ermöglichen, dass er einwandfrei funktioniert. Und noch etwas stellt die Autorin klar: Kinder sind nicht per se schwache Opfer, sondern durchaus in der Lage, auf sich aufzupassen, wenn sie daran nicht durch eine falsche Erziehung gehindert werden. Das Buch enthält nicht nur eine Fülle von Orientierungshilfen, es stellt in seinem mittleren Teil auch das Kindersicherheitstraining von Holger Schumacher vor und veranschaulicht anhand von zahlreichen Bildern das dahinter liegende Konzept.
Ein Muss für alle Eltern.
Dr. Christa Mulack
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