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Raqs Sharqi – der urweibliche Tanz

Der ausdrucksvolle orientalische Tanz findet auch bei Europäerinnen immer größere Beliebtheit. Viele Tänzerinnen entwickeln dabei eine neue weibliche Tanzkultur für Frauen jeden Alters.
 
Die Kreis- und Wellenbewegungen des „Raqs Sharqi“ (oder „Raks Sharki“, „Tanz des Ostens“) tun der weiblichen Seele und dem Frauenkörper wohl. Sie bringen uns in unsere Mitte und verbinden uns gleichzeitig mit den erdigen und spirituellen Kräften.
 
Sich gesund tanzen
Die Ärztin Barbara erklärte, orientalisch zu tanzen, sei „das Gesündeste, was Frauen für sich tun können.“ In diesem Tanz erfahrene Frauen können dies bestätigen. Vielleicht liegt es daran, dass das Kreisen eine kosmische Urbewegung bis in die menschliche Zelle hinein ist?

Im Universum kreisen alle Sterne, Planeten und Monde um sich selbst und um andere Gestirne. Unser ganzes Sonnensystem kreist ebenfalls um das Zentrum der Galaxie. Sogar die befruchtete mütterliche Eizelle dreht sich auf ihrem Weg in die Gebärmutter im Uhrzeigersinn (Rakuna & Anotamey: Mütterliches Wissen).
 
Ist eine Drehbewegung erst einmal entstanden, bleibt sie für immer bestehen. Woher sie kommt, ist ungewiss. Fest steht nur, dass es das geheimnisvolle Kreisen seit Anbeginn der Schöpfung gibt. Dieser kosmische Tanz spiegelt sich im urweiblichen Beckentanz wieder.
 
Leichtfüßig und fest auf dem Boden
Traditionell wird barfuß getanzt, eine befreiende Erfahrung für die Füße, die auf diese Weise immer kräftiger und lebendiger werden. Kalte Füße sind bald passé. Durch die Erd-Verbundenheit wird unser Gang geerdet. Für die Indianerinnen ist es ein Ausdruck ihrer Verbundenheit mit Mutter Erde, wenn sie sie mit nackten Füßen berühren.
 
Inzwischen gibt es viele Informationen über „Earthing“ oder das natürliche Erden. Es „stellt den naturgegebenen elektrischen Grundzustand des Körpers wieder her und erhält ihn aufrecht; dieser wiederum fördert optimale Gesundheit und Leistungsfähigkeit im Alltag. Die natürliche Energie, die die Erde abgibt, ist das Mittel schlechthin gegen Entzündungen und gegen das Altern“ (Clinton Ober, Stephen Sinatra, Martin Zucker: Earthing - Heilendes Erden. Gesund und voller Energie mit Erdkontakt).
 
Eine Tänzerin beschreibt ihre Erdungserfahrung: „Es fühlt sich so gut an, sich aus der Verbindung von den nackten Füßen mit Mutter Erde heraus nach oben zu bewegen. Zu spüren, wie mein Körper sich erinnert, wie er danach sucht und manchmal beginnt, die Schritt- und Bewegungsmuster wieder zu erkennen und sie dann sichtbar werden.“
 
Innere Reise einer Tänzerin
Wer mit dem orientalischen Tanz beginnt, begibt sich auf eine Reise zurück in eine authentische Weiblichkeit. Wie anders und ungewohnt dieser Weg zunächst sein kann, schildert eine Tänzerin aus ihrer Anfangszeit: „Ich nahm Kontakt mit meinem Becken auf, das alle weiblichen Organe trägt, und die Mutter birgt, die gebärt. Das erste Zuhause für mein Kind, das es warm, satt und geschützt in sich geborgen hat. Mein Becken - endlich schenkte ich ihm meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Seine Antwort konnte ich gut verstehen: Es zwickte noch, wenn ich es wiegte wie mein Kind, seine Muskeln waren noch verkürzt, so sehr hatte ich es „kurz halten“ müssen. Das machte mich sehr traurig und ich bekam Sehnsucht nach allem, was darin verborgen ist.“
 
Durch das urweibliche Tanzen wird der Körper neu ausgerichtet. Das Becken wird geöffnet und dadurch werden auch die Lenden-, Brust- und Halswirbelsäule beweglich. Durch die Lösung der Verspannungen bis ins Fasziengewebe kann der Körper eine gesunde Haltung einnehmen. Füße, Beine, Beckenboden und Rücken werden gekräftigt. Der Brustkorb, den wir im Alltag eher wenig bewegen, wird wieder geschmeidig und wir zeigen in der Folge unser offenes Herz.
 
Zusätzlich zu Kreisen und Achten setzt das Becken mit Hüftdrops und -lifts klare Akzente zur Musik. Sie schulen die Tänzerin darin, bewusst und auf den Punkt Entscheidungen zu treffen.

Zu sich kommen
In der Stilform des „Baladi“ bewegen wir uns nicht in den Raum hinein. Wir bleiben bei uns und drücken unsere Gefühle auf vielschichtige Weise aus. Auch im höfischen Stil des „Sharqi“ zeigen wir uns zurückhaltend, indem wir unsere Bewegung und Energie verdichten. Dies verfeinert und intensiviert den Tanz zugleich.
 
Auch mit den eleganten und feinen Arm- und Handbewegungen haben wir die Möglichkeit, unsere Energien zu lenken. Wir versenken uns in die Musik oder geben unsere Gefühle nach außen, wir halten die Hände schützend hinter uns oder demonstrieren Stärke. Wir lassen die Arme anmutig schlängeln oder heben sie nach oben, um uns mit den spirituellen Kräften zu verbinden.

Aus sich heraus kommen
Beim ländlichen Stil wird der Tanz besonders erdig und intensiv. Im Dabke, einem Volkstanz aus Syrien, wecken die mitreißenden Rhythmen nach kurzer Zeit unsere Vitalität und Lebensfreude. Als Gruppentanz stärkt er die Gemeinschaft und schenkt den Tänzerinnen und auch den Zuschauenden viel Kraft.
 
Der Tanz mit einem rustikalen Shaabi- oder eleganten Baladi-Stock stärkt die Zentriertheit in Körper und Geist. Die Tänzerin bringt ihre natürliche Stärke zum Ausdruck und nimmt eine würdevolle, aber immer bewegliche, niemals starre Haltung ein.
 
Drehungen sind eine aus der Zentrierung und Erdung der Tänzerin nach außen gerichtete Bewegung. Das Drehen übt einen besonderen Zauber aus, sowohl auf die Tänzerin als auch auf die Zuschauerinnen. Manchmal versetzt es beide in Trance. Der Weg zu langem, gleichmäßigem und schnellem Drehen führt ebenfalls über innere Hürden, wie sich eine Tänzerin erinnert: „Beim Drehen wurde mir anfangs immer schwindelig. Zu viel Atem, zu viel Bewegung. Mein Kopf wurde unsicher. Er hatte keine Kontrolle mehr über mich. Meine Füße liefen ihm scheinbar davon. Durch die Erdung meiner Füße und das wachsende Vertrauen fand ich meinen Halt. Fortan gab es keinen Schwindel mehr.“
 
Beim „Shimmy“ beben die Hüften unter wohligen Energie-Schauern. Jede Tänzerin findet ihr ureigenes Beben, das sich in dieser Bewegung nach außen entlädt, einmal wie ein Vulkanausbruch, ein andermal wie perlende Wassertropfen. Der „Shimmy“ oder „Shiver“ versetzt sowohl die Tänzerin als auch das Publikum in einen Zustand der Gelöstheit und des Entrücktseins.
 
Der Tanz mit dem Schleier bietet zum einen die Möglichkeit, sich geheimnisvoll zu verhüllen, zum anderen, mit dem Schleier ausgelassen und spielerisch zu tanzen. Wie Maya - die verschleierte Muttergöttin sowohl im alten Indien als auch bei den Kelten - Leben, Übergang und Erneuerung verkörpert, repräsentiert die Tänzerin das Leben zwischen Rückzug und Aufbruch.
 
Interkulturelle Frauengemeinschaft
Wenn heute Europäerinnen mit Frauen orientalischer Herkunft tanzen, knüpfen sie an eine alte Frauenkultur an. Die Vermischung der Kulturen führte bereits in vorchristlichen Epochen zu einem regen Austausch: „Die ägyptische Mondgöttin Isis gilt den einen Quellen als keltische Göttin, den anderen als germanische. In Mitteleuropa wird sie zur Noreia, ihr Kult gleicht in allem dem Isiskult in Ägypten. Diana, die Mondgöttin, die von Anatolien über Griechenland bis Rom verehrt wird, gilt ebenfalls als keltische und germanische Göttin und heißt hier Dana, eine universelle Muttergöttin, Gebieterin über das Wasser, insbesondere die Donau.“ (Luisa Francia: Die Göttin im Federkleid. Das weibliche Universum bei Kelten und Germanen).
 
Die wunderbare Ausdruckstänzerin und Tanzlehrerin Mouna Sabbagh verbindet ihre syrischen Wurzeln mit einem interkulturellen künstlerischen Ansatz: „In dem Tanz wird noch ein Stück Frauengemeinschaft gelebt. Beim gemeinsamen Tanzen entsteht Begegnung und Freude miteinander. Im Kreis der Frauen spüren und bestimmen die Frauen selbst, was gut tut und gefällt. Jede kann so sein wie sie ist. Jede ist auf ihre Weise schön. Mit anderen Frauen die Weiblichkeit sinnenfreudig zu tanzen, zu erleben und zu teilen, stärkt und nährt das Selbstverständnis als Frau.“
 
Mouna Sabbagh, die aus Aleppo in Syrien stammt, tritt seit 2003 mit der israelischen Sängerin Nirit Sommerfeld mit dem Friedens-Programm “Salam Shalom - Kennst du den Weg ins Paradies?“ europaweit unter dem Motto “Wir weigern uns, Feinde zu sein“ auf.
 
Auch die Tanzethnologin und Tänzerin Helene Eriksen bringt in ihrem Projekt „Anar Dana“ Frauen in Europa und Nord- und Südamerika die traditionellen orientalischen Tänze bei und bringt sie mit ihnen auf die Bühne. Die Tänzerinnen tragen dabei prachtvolle Original-Kostüme.
 
Tanz und Musik
Musik ist eine universelle Sprache, die unmittelbar unsere Seele berührt. Beim ursprünglichen orientalischen Tanz gehen Körper und Seele in Resonanz mit der Musik. Die Technik der Bewegungen bildet dabei die Basis für den individuellen Ausdruck der Tänzerin.
 
Die arabische Musik führt die Tänzerin in ihr Inneres, wobei unser Gehör „das Tor zur Seele“ wird, wie es die Tänzerin Rosina-Fawzia Al-Rawi nennt (Rosina-Fawzia Al-Rawi: Der Ruf der Grossmutter oder die Lehre des wilden Bauches). Es gibt wundervolle lyrische oder temperamentvoll-rhythmische Stücke, die immer auch eine hypnotisierende Wirkung haben wie die Wellen des Meeres. Doch auch auf moderne westliche Musik lässt es sich mit Wonne orientalisch tanzen. In einer Münchner Tanzgruppe wurde „Crazy“ in der Version von Alanis Morissette zum Tanz-Hit.
 
Lesetipps

Wendy Buonaventura: Die Schlange vom Nil. Frauen und Orientaltanz

224 Seiten, Neuauflage 2012, Tanz Oriental Verlag, € 29,90, ISBN 978-3000373121

Der aktualisierte Klassiker der Tänzerin Wendy Buonaventura gibt einen Überblick über die Entwicklung des orientalischen Frauensolotanzes bis heute. Das Buch enthält eine Fülle wunderschöner Bilder und Fotographien.

Rosina-Fawzia Al-Rawi: Der Ruf der Großmutter. Oder die Lehre des wilden Bauches

208 Seiten, Broschur, mit zahlr. Abb., Promedia Verlag, 7. Auflage 2010, ISBN 3-85371-110-3, € 15,90
 
Rosina-Fawzia Al-Rawi ist Arabistin und Ethnologin. Ihre Kindheit verbrachte sie im Irak und im Libanon, sie studierte in Ägypten und Österreich. Seit mehr als zehn Jahren lebt sie in Jerusalem/Al Quds und Wien, wo sie als Bauchtanzlehrerin arbeitet. Sie erzählt von ihrer Kindheit und den arabischen Gebräuchen auf dem Weg zum Frausein. Ihre Lehrmeisterin auf diesem Weg war vor allem die Großmutter, die ihr den Weg des Weiblichen zeigte, der vor allem durch den Tanz des Bauches geprägt ist. In Europa begegnet ihr eine andere Welt und es gelingt ihr, den „Urtanz der Frauen“ auch im Westen neu zu beleben, denn „solange es Frauen gibt, wird er pulsieren und leben und seine stolze Kraft von Frau zu Frau weitergeben.“ Ein tiefgründiges Buch
 
UF
 
Fotos: Tanzfotos Mouna Sabbagh: Mit freundlicher Genehmigung von Mouna Sabbagh; Mond: Mit freundlicher Genehmigung von Dorothee Elfring; Barfuss: CF; Schleiertanz mit Spiegel by Dorothee Elfring: UF; Gruppe Anar Dana by Chris Yetter: Mit freundlicher Genehmigung von Anne George; Cover: Promedia Druck- und Verlagsges.m.b.H., TANZ Oriental Möhl & Partner GbR

Weitere Informationen unter www.mouna-sabbagh.de

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