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Das einzigartige Gehirn einer Mutter

Die Malerin Ulrike Loos beschäftigt sich mit der Frage, ob und wie sich das Gehirn einer Mutter von anderen unterscheidet.
 
Als ich mein Kind geboren hatte, war ich ganz überwältigt von diesem Wunder. Was nach der Geburt an totalem Einsatz auf mich zukam, habe ich nie wieder erlebt. Ich empfand eine überbordende, bedingungslose Liebe wie für kein anderes menschliches Wesen. Ich hatte das Vor- und Nachher der Entbindung genau geplant. Christa Mulack nennt diese Fähigkeit das "konzeptionelle Denken", die Vorbereitung einer zukünftigen Eventualität. In mir tauchte die Frage auf, ob diese „vorausschauende Intelligenz“ der werdenden Mutter im weiblichen Gehirn für immer erhalten bleibt.
 
In der Zeit, als ich mein Kind allein aufzog, machte ich weitere Entdeckungen, die meine Neugierde weckten. Wie kam es beispielsweise, dass mein Kind so viel  lernen und behalten konnte? Den Gedanken, dass das alles doch nur von mir kommen könnte und sich alles, was in mir war, auch im Kind manifestierte, traute ich mich damals noch nicht auszusprechen. Aber ich erkannte, dass ich ganz neue Fähigkeiten entwickelt und unbewusst mit meinem Kind „eingeübt" hatte. Ich gab ihm so viel weiter, wie niemand anderes ihm hätte geben können.

Die Anthropologin Margaret Alice Murray hat dieses Phänomen in der Natur erforscht. Da das Leben bereits des noch Ungeborenen allein von seiner Mutter abhängig ist, sind die geistigen Reaktionen der Weibchen schneller und intensiver als die der männlichen Artgenossen. Wenn den Jungen Gefahr oder Hunger droht, muss sich die Mutter nämlich um sich selbst und um die Kleinen kümmern. Das gleiche Verhalten findet man auch bei Menschenmüttern. Dabei zeigt sich, dass Eigenschaften wie Mut, Ausdauer, Geschicklichkeit usw. bei Müttern verstärkt und intensiver auftreten. (Nebenbei bemerkt: Ich meine, für die ständige Abwendung von Gefahr oder Gewalt von den Kindern, sollten Mütter eine „Gefahren-Gehaltszulage“ bekommen.)
 
Schließlich kristallisierte sich die wesentliche Frage heraus: Wie unterscheiden sich Müttergehirne? In ihrem Buch  "Das Weibliche Gehirn" (Original erschienen 2006) schreibt die Neurobiologin Louann Brizendine: "Wenn du Mutter wirst, bist du für immer ein anderer Mensch, hatte meine Mutter mich gewarnt. Sie hatte Recht. Meine Schwangerschaft ist lange vorüber, aber immer noch lebe und atme ich für zwei; mit Körper und Seele hänge ich an meinem Kind - es ist eine so starke Bindung, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Seit mein Kind geboren wurde, bin ich zu einer anderen Frau geworden, und als Ärztin weiß ich auch, warum. Durch die Mutterschaft verändert sich eine Frau, weil sich buchstäblich ihr Gehirn wandelt - mit seiner Struktur und mit seinen Funktionen; und in vielerlei Hinsicht sind die Veränderungen nicht mehr rückgängig zu machen."
 
Seit ich Mutter geworden bin, habe auch ich gefühlt, aber nie zu Ende denken können, was Louann Brizendine über das Muttergehirn herausgefunden hat: Dass "es mit seiner angeborenen Verdrahtung genau wie bei anderen Säugetieren auf grundlegende Signale, wie das Wachstum des Fötus in der Gebärmutter, die Geburt des Babys, sein Saugen, seine Berührungen, seine Düfte und den häufigen engen Körperkontakt reagiert.“

Louann Brizendine erklärt, dass „diese körperlichen Signale des Kindes im Gehirn neue neurochemische Übertragungswege prägen, die Gehirnschaltkreise für das Mutterverhalten schaffen oder verstärken; unterstützt werden sie dabei durch chemische Prägung durch große Oxytoxin- Mengen. Das Produkt dieser Veränderung ist ein motiviertes, höchst aufmerksames, aggressiv beschützendes Gehirn, das die junge Mutter zwingt, anders als früher zu reagieren und im Leben neue Prioritäten zu setzen. Sie baut zu dem neuen Menschen eine Beziehung auf, wie sie noch niemals eine zu jemand anderem hatte. Es geht um Leben und Tod.“ Nun hatte ich die Bestätigung gefunden: Das Gehirn einer Mutter ist einmalig!

UL
 
Lesetipp

Louann Brizendine: Das weibliche Gehirn. Warum Frauen anders sind als Männer

352 Seiten, Taschenbuch, erschienen 2008, Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-15516-3, € 9,95

Bilder: Variationen von dem Kalksteinrelief  "Die Urmutter von Laussell" mit freundlicher Genehmigung von Ulrike Loos; Cover: Verlagsgruppe Random House GmbH

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