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Gemeinsam in die Zukunft

Wie sieht die Zukunft der Mütter aus, wenn ihre Kinder erwachsen sind und aus dem gemeinsamen Haushalt ausziehen? Viele Frauen stehen plötzlich vor einer großen seelischen und finanziellen Herausforderung. Wenn die Rente nicht reicht, wissen Frauen oft schon Jahre im Voraus, dass ihnen noch einmal ein Neubeginn bevorsteht.

Welche Lebenssituation droht ihnen, wenn ein Verdienst aufgrund des Arbeitsmarkts oder des Alters nicht mehr möglich ist? Christina Madl bringt im "Münchner Beginenblatt" die Zukunftsangst vieler zum Ausdruck: „Wir wollen keine Angst haben müssen, dass wir im Alter wegen einer zu niedrigen Rente und den Renditeansprüchen Dritter aus unseren Wohnungen rausmüssen, weggedrängt und entwurzelt sehen müssen, wo wir bleiben und was aus uns wird.“

Martina, die ihren inzwischen volljährigen Sohn allein großgezogen hat, sagt: „Wir Mütter sind schon lang vor der Rente arm. Bei dem Gedanken an mein Alter wird mir angst und bange. Ich möchte meinem Sohn nicht auf der Tasche liegen, wenn er einmal verdient.“ Das Thema der Frauenarmut ist nicht nur bei den Betroffenen, sondern auch in den öffentlichen Diskussionen angekommen, nachdem die private Altersvorsorge mittels Lebensversicherung und die Riester-Rente gefloppt sind.

Die Senioren-WG steht zur Debatte. Manche leben in einer Zweckgemeinschaft, wie die 85jährige Erika, die sich mit ihrem 75jährigen Partner eine 2-Zimmer-Wohnung teilt. Beide haben inzwischen ihr eigenes Zimmer. Nicht mehr die Liebe hält sie zusammen, sondern die Not: „Ohne ihn bräuchte ich Sozialhilfe und müsste aus der Wohnung raus.“

In diese unwürdige Situation geraten Frauen, die viele Jahrzehnte für Kinder und Männer gesorgt und dazu noch außerhalb der Familie gearbeitet haben. Warum haben sie sich nicht rechtzeitig Gedanken über ihre Zukunft gemacht? Vielleicht, weil der Mann ja noch da ist. Wenn nicht, schwelt womöglich insgeheim die Hoffnung, es könnte vielleicht doch noch einer kommen. Und wenn nicht?

Wo finden Frauen Geborgenheit und Verbundenheit, wenn die Familie sich aufgelöst hat? Wer ist für sie da, wenn sie Unterstützung brauchen – im Altenheim oder allein in ihrer Wohnung? Die 72jährige Elsbeth schreibt zwar rund vierzig Weihnachtskarten in die ganze Welt, aber wenn sie krank ist, bringen ihr die türkischen Nachbarn etwas zu essen.

Viele ältere Frauen vereinsamen, manche verwahrlosen regelrecht. Sieht man ihre Kinder bei ihnen? Eine verwitwete Nachbarin mit Sohn und Enkelkindern stand abends in Pantoffeln im Treppenhaus: „Einmal am Tag muss ich aus der Wohnung raus.“ Diese Szene hat mich erschüttert.

Meine Freundin Gitta interessiert sich aus diesem Grund für Mehrgenerationen-Wohnen, weil sie nicht „in ihrem Haus versauern“ will, wenn ihre Söhne ausgezogen sind. Manche Mütter suchen die Lösung in der Untervermietung der leeren Zimmer. Aber wer teilt die Privatsphäre schon gern mit Fremden?

Vereinsamung in der Zivilisation des Patriarchats
Auch wenn wir in den noch zahlreich bestehenden matriarchalen Gesellschaften ein Vorbild finden können, wie ein gutes Zusammenleben mehrerer Generationen mütterlicher Verwandter gelingt, ist es in Europa im Moment normal, dass die Kinder früher oder später von zu Hause ausziehen.

Stephanie Gogolin, vierfache Mutter und Großmutter von zwölf Enkelkindern, beschreibt den gängigen Trend: „Das derzeitige Familienverständnis endet bei Vater-Mutter-Kind, und die frühzeitig abgenabelten Teile der Herkunftsfamilien werden nur noch latent dazugerechnet. (…) Die Gründe dafür sind folgende: In der klassischen (Klein-)Familie erfolgt im Erwachsenenalter nicht nur eine körperliche Distanzierung, sondern es entsteht dabei auch eine, manchmal irreversible, Trennung im Geiste. Das ist der bestehende und entscheidende Unterschied zu einer konsanguinen Matrigemeinschaft. Die ohnehin vom patriarchalen System nicht gern gesehene Mutter-Kind-Bindung löst sich unter dem Abnablungsdogma Schritt für Schritt auf und hinterlässt bei Tochter und Sohn eine Leere, die auch noch als nicht gerechtfertigt gebrandmarkt wird. Um diese Leere des sozialen Vakuums mit Geborgenheit und Verbindlichkeit aufzufüllen, wird uns in unserer Kultur lediglich die Paarbeziehung mit einem, uns bis dahin unbekannten, Menschen empfohlen.“ (aus: "Matrifokalität – die Idee, die Muttersippe wieder aufleben zu lassen“, 25.10.14).

In diesem Modell, läßt sich hinzufügen, fallen die Frauen, die alleine älter werden, gänzlich durchs Raster. Eine Vorstellung wie es aussehen könnte, in der Würde einer „Großen Mutter“ älter zu werden, vermittelt der Film „Wo die freien Frauen wohnen“ von Uschi Madeisky, Daniela Parr und Dagmar Margotsdotter-Fricke.

Die Würde der Weisen Alten
Die Initiatorinnen neuer Frauenwohnprojekte knüpfen an die Beginen-Kultur des 11. und 12. Jahrhunderts an, unter Berücksichtigung der modernen Gegebenheiten. Die Beginen verweigerten die soziale Klausur, waren wirtschaftlich unabhängig und lebten ihre eigene Spiritualität. Durch die Verfolgung der Inquisition mussten sie sich später den christlichen Orden anschließen, um überleben zu können. Den heutigen Dachverband der Beginen e. V. gibt es seit zehn Jahren, die Beginenstiftung mit Geschäftssitz in Tübingen seit 2003. Die alte Frauen-Tradition lebt weiter.

Ursa Illgen und Sirilya Dorothee von Gagern haben in Blaubeuren mit der Realisierung eines Beginenhauses begonnen, um Frauen einen „langfristigen Lebensmittelpunkt zu schaffen und damit positiv zum sozialen Wandel beizutragen“. Sie wollen herausfinden, wie es ist, „in der Würde der Weisen Alten“ zu leben und „unserer Frauenkraft und Großmutter-Weisheit“ und Spiritualität Raum zu geben. Geplant ist ein Haus mit abgeschlossenen Wohnungen mit Bad für jede Frau und Räumen für das Gemeinschaftsleben. Der entscheidende Unterschied zwischen Wohngemeinschaften und Beginen-Projekten besteht darin, dass sich die Frauen über einen längeren Zeitraum miteinander vertraut machen, so dass Freundschaften wachsen können. Sie planen und realisieren ihren Wohnraum gemeinsam. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der gegenseitigen Verbindlichkeit.

Auch die Gerda Weiler Stiftung kündigt für 2015 an, das Thema neuer „matriarchaler Wohnformen“ anzugehen.

Die Frage der Freiheit im Frauen-Raum
Im Frauenheilehaus auf der Schwäbischen Alb begannen Frauen, ihre Zukunftsvision zu formulieren. Die Runde endete mit einer spontanen Diskussion, ob die individuelle Freiheit in einem Beginenhaus gewährleistet sei.

Vor über hundert Jahren sahen Frauenrechtlerinnen ihre Freiheit zunächst in der Befreiung von der männlichen Herrschaft.1905 rief die erste promovierte Juristin Deutschlands, Anita Augspurg, zur Aufhebung des Eherechts auf, das Frauen und ihr Vermögen unter die Kontrolle des Mannes stellte. Seit den 1968er Jahren trieb ein nicht wirklich auf die Bedürfnisse der Frau hin orientierter Feminismus zur Abspaltung der natürlichen Weiblichkeit und Mütterlichkeit. Frauen setzten ihre vermeintliche Unabhängigkeit ein, um sich in patriarchalen Räumen einzurichten. Statt sich für weibliche (Lebens-)Werte und Ziele oder das Gehalt und die Vollrente für Mütter einzusetzen, „hängt ihr Leben davon ab, sich an verschiedene Formen des Patriarchats anzupassen“ (aus: Prof. Dr. Claudia von Werlhof; Vortrag zum Weltfrauentag 2014). Die Trennung vom Mann, der Auszug der Kinder und zuletzt die Vereinsamung und Altersarmut „befreien“ so manche Frau schließlich von der Illusion von Frauenfreiheit.

Angelika Aliti erinnert daran, dass unsere Bedürfnisse unser persönliches Freiheitsgefühl mit bestimmen: "Mein ganzes erwachsenes Leben lang habe ich immer für andere sorgen müssen, denn ich habe meine Kinder sehr jung bekommen. Bin ich nur auf mich allein gestellt, falle ich aus meinen Lebenszusammenhängen wie durch ein Sieb. Dann machte ich Erfahrungen, wie Freiheit sich in Beliebigkeit wandelt. (…) Die Traurigkeit beginnt meist jenseits der Vierzig. Es zeigt sich manchmal in einer Kraftlosigkeit, Ermattung und Perspektivlosigkeit. Es sind andere Formen der Hoffnungslosigkeit als bei denen, die im engen Netz der praktizierten Verantwortung hängen. Immer ist das Thema Freiheit, persönliche Freiheit, Ungebundenheit, Unabhängigkeit. Oder eben Unfreiheit, Gebundenheit, Abhängigkeit. Vor allem geht es darum, in diesen Zusammenhängen das eigene Maß zu finden, zu der Person zu stehen, die man ist. Und daher die eigenen Bedürfnisse sehr gut zu kennen.“ (aus FB; 17.12.14)

Könnte es sein, daß Frauen eher in der Verbindlichkeit, dem Engagement für ein Gemeinschaftsprojekt und der Verbundenheit mit Gleichgesinnten ein gutes Leben finden? Die Neuropsychiaterin Louann Brizendine fordert, dass „Frauen schon aus biologischen Gründen darauf bestehen sollten, in einem neuen Gesellschaftsvertrag Berücksichtigung finden.“ Denn „wie das weibliche Gehirn funktioniert, die Realität wahrnimmt, auf Gefühle reagiert, die Emotionen anderer aufnimmt und andere Menschen versorgt, machen die Realität der Frauen aus.“ („Das weibliche Gehirn“, S. 246)

Gemeinschaftlich die Zukunft bewältigen
Durch Jahrtausende lange Unfreiheit ist ein so dringender Wunsch nach individueller Unabhängigkeit entstanden, dass wir ihn wahrscheinlich auch in eine Beginen-Gemeinschaft tragen werden. Aber dort, wo Frauen auf ihre Weise frei sein können, entstehen womöglich ganz andere Prioritäten. Luisa Francia sieht voraus, „was kommt, kann nur gemeinschaftlich überstanden werden. Damit meine ich nicht das Wohltätigkeitsgedudel, das jetzt so modern ist. Ich meine Gemeinschaft im Sinn der Transition-Bewegung zum Beispiel, Gemeinschaftsäcker, Gemeinschaftstransport, Austausch von Fähigkeiten, Tauschzentralen. Denn die Menschen müssen anfangen, das Fundament, Erde, Wasser, Feuer, Luft, Nahrung, Liebe, Solidarität, Austausch mit Pflanzen und Tieren usw. unabhängig von Regierungen und Industrien zu organisieren.“ (aus: www.salamandra.de; Horoskop 2015)

Das Eingebundensein in eine vertraute Gemeinschaft wirkt sich auch auf unsere Gesundheit aus. Alterskrankheiten wie Depression und Demenz beugt ein erfülltes Leben vor. Da das Gehirn ein „Sozialorgan“ ist (Prof. Gerald Hüther), kann es bis ins hohe Alter lernfähig und gesund bleiben. Wenn wir uns wohlfühlen, bildet das Gehirn vermehrt Gamma-Wellen, die sich positiv auf Seele und Körper, also wiederum auch auf das Gehirn selbst, auswirken (siehe z. B. bei Singer; Picard: „Meditation und Hirnforschung“).

Das gemeinschaftliche Sein in einem weiblichen Raum schenkte bereits den europäischen Beginen des Mittelalters soziale und ökonomische Sicherheit als Basis für kreative Entfaltung. Die neuen Beginen können eine realistische Alternative für einen sinn- und würdevollen Neubeginn in einem modernen Gemeinschaftsprojekt bieten.

UF

Fotos: Rosen: CF; See: Dorothee Elfring

Weitere Informationen und Kontakt
Beginenhaus, Wennenden: ursa-heilehaus@freenet.de und info@sirilya.de

www.beginenstiftung.de

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