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Die wahre Geschichte von der Kinderarmut

Dr. Johannes Resch, Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Arbeits- und Sozialmedizin, befasste sich an der Universität Heidelberg ausführlich mit dem deutschen Sozialsystem. Anhand einer aktuellen Studie analysiert er die moderne „Angst vor dem Kinderkriegen“.
 
Die deutsche Angst vorm Kinderkriegen“ lautet der Titel, unter dem kürzlich die der Babynahrungshersteller „Milupa“ die Ergebnisse einer Studie veröffentlichte, durchgeführt vom Rheingold-Institut. Die Studie unterscheidet sich von solchen, die von der Bundesregierung gefördert werden: Sie ist keine „Hofberichterstattung“, mit der das politisch gewollte Ideal der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ propagiert wird. Im Gegensatz dazu ist das Bemühen erkennbar, die Hintergründe der „deutschen Angst vorm Kinderkriegen“ zu erfahren, was schließlich auch im Interesse von Milupa liegen dürfte.
 
Zur Methode
Es wurden im Herbst 2009 über 1000 junge Mütter, Schwangere und andere junge Frauen mit und ohne Kinderwunsch „in jeweils zweistündigen Tiefeninterviews“ von Psychologen befragt, „um ein klares Bild von der Situation der Mütter in Deutschland“ zu erhalten.

Dazu ein Zitat aus der Studie: „Deutsche Mütter heutzutage möchten nach außen und vor sich selbst einen möglichst gelassenen Eindruck vermitteln. 78 % der befragten Frauen tragen Gelassenheit als große Vision beim Thema Kinderkriegen und Kinderhaben vor sich her, allerdings nur 44% fühlen sich beim Thema Kinder wirklich entspannt.
 
Denn der schöne Schein trügt. Viele deutsche Mütter sind verunsichert, fühlen sich oft genug überfordert und sehen sich einem permanenten Perfektionsdruck ausgesetzt. Tief in ihnen brodeln elementare Verlustängste und eine tiefe Unzufriedenheit.“
 
Es zieht sich ein roter Faden durch die Ergebnisse der Befragung: Viele Mütter wollen dem politisch propagierten Ideal der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ entsprechen, schaffen das aber nicht. Diese Feststellung deckt sich mit anderen Beobachtungen, die ein zunehmendes „Burn-out-Syndrom“ bei Müttern beschreiben, die gleichzeitig eine gute Mutter und erfolgreich im Erwerbsleben sein wollen
 
Die Studie zeigte, dass zumindest im Unterbewusstsein der auf politischer Ebene propagierten Maxime misstraut wird. Zitat: „Interessant ist die Tatsache, dass die Mamas von heute ungestützt weit mehr Vertrauen in Unternehmen wie Milupa haben als in die deutsche Politik.“ Die Studie empfiehlt „die Unternehmen sollten sich stark machen für Mütter“.
 
Strukturfehler in der Gesellschaft
Als Konsequenz aus der Studie schlagen die Autoren „Projekte und Kampagnen“ vor, „die einen inneren Haltungswechsel der Gesellschaft zum Anspruch an Mütter bewirken.“ Sie zeigen damit, dass sie die Ursache der beobachteten Defizite in erster Linie in einer übersteigerten Erwartungshaltung der Gesellschaft an die Mütter sehen, die zu korrigieren sei. Die Frage, ob dafür handfeste Strukturfehler in unserer Gesellschaft verantwortlich sind, wird leider nicht gestellt. Vermutlich bleiben die Autoren in ihrem gewohnten Denken als Werbepsychologen gefangen.
 
Damit soll der Wert der Studie keinesfalls in Frage gestellt werden. Er liegt in der anschaulichen Darstellung der psychologischen Situation von Müttern. Die Aufforderung der Autoren an Unternehmen wie Milupa, sie sollten sich für Mütter engagieren, zeigt auch, dass sie dem kindbezogenen Teil der Wirtschaft mehr zutrauen als den politisch Verantwortlichen. Unrealistisch ist das nicht. Schließlich sind Kinder und Eltern für diesen Wirtschaftzweig Kunden. Für Politiker hingegen sind Kinder keine Wähler und ihre Eltern schon längst zur Wählerminderheit geworden.
 
Mütter in der Zwickmühle
Sind nun die Deutungen der Studie vielleicht eine Überinterpretation wichtigtuerischer Psychologen? Ich glaube das nicht. Sie finden in der Statistik der Deutschen Rentenversicherung eine Bestätigung. Diese zeigt nämlich, dass es immer mehr Frühberentungen wegen psychischer Störungen gibt. Frauen sind dabei fast doppelt so häufig betroffen wie Männer. Zwar zeigt die Statistik nicht, wie hoch der Anteil der Mütter ist. Der Schluss liegt aber nahe, dass es besonders Mütter sind, die im „Hamsterrad Familie und Beruf“ im Burn-out-Syndrom („Ausgebranntsein“) landen.
 
Mütter, die diesem Schicksal entfliehen wollen, können ihre Erwerbstätigkeit einschränken oder ganz darauf verzichten, um sich ihren Kindern zu widmen. Dann werden sie als „faul“ beschimpft. Die Geringschätzung ihrer Tätigkeit ist dann ebenfalls ein Boden für psychische Störungen, in diesem Fall bevorzugt für Depressionen.
 
Wer als Frau die Zwickmühle zwischen Hamsterrad und Aschenputtel-Image vermeiden will, hat den „Ausweg“, auf Kinder zu verzichten. Dann ist eine erfolgreiche Erwerbstätigkeit ohne Überforderung möglich; dann kann man sich auf eine hohe Rente freuen, die von den Kindern der Mütter bezahlt werden muss. Diese Frauen nehmen damit Vorrechte gegenüber ihren Geschlechtsgenossinnen in Anspruch, die sonst nur kinderlose Männer haben. Sie betrachten sich oft als „Feministinnen“, haben aber frühere Vorrechte der Männer für ihre eigene Person in noch höherem Maße verinnerlicht. Man könnte sie als „patriarchalisierte Frauen“ bezeichnen.
 
Würdigung der Mütterleistung
Was kann aber nun Unternehmen wie Milupa empfohlen werden, die mit Recht durch die Vernachlässigung von Mütterinteressen beunruhigt sind? Sollen sie die Propaganda-Feldzüge der Bundesregierung konterkarieren? Ein solcher „Krieg der Ideologien“ würde der Wahrheitsfindung vermutlich nicht dienen. Richtiger ist es, zunächst danach zu fragen, wo die strukturellen Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft liegen, die den Müttern das Leben schwer machen, indem ihre Leistung nicht angemessen gewürdigt wird, und die den Frauen nur noch die Wahl zwischen „Patriarchalisierung“, Hamsterrad und Aschenputtel lässt.
 
Schon in der herkömmlichen Familie war es so, dass die Arbeit des männlichen „Ernährers“ mehr galt als die häusliche Arbeit einer Mutter. Davon unberührt blieb aber der von den Müttern erarbeitete „wirtschaftliche Mehrwert“ in Form der sozialen Sicherung durch die Kinder für Krankheit und Alter innerhalb der Familie. Jeder Vater spürte, dass die Arbeit der Mutter auch seiner persönlichen sozialen Sicherheit für Krankheit und Alter diente. Das „patriarchalische Denken“ beschränkte sich damit auf das Innenleben der Familie und hatte keine Auswirkungen auf deren soziale Gesamtsituation innerhalb der Gesellschaft.
 
Im Rahmen der gesetzlichen Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung wurde das ursprünglich auf das Innenverhältnis der Familie beschränkte „patriarchale Denken“ auf die ganze Gesellschaft übertragen. Unter Missachtung der Erziehungsleistung wurde der von den Müttern erwirtschaftete Mehrwert nicht mehr den Eltern belassen, sondern als „Alterslohn“ an vorangegangene Erwerbsarbeit gekoppelt. Plötzlich profitierten Leute ohne Kinder von den Kindern anderer mehr als deren Eltern.
 
Damit erfolgte eine ungleich krassere Abwertung der Erziehungsarbeit, als das zuvor innerhalb der Familie der Fall war. Geschädigt waren aber jetzt nicht nur die Mütter, sondern mit ihnen auch die Väter. Diese gaben zumindest im Unterbewusstsein oft den Müttern die Schuld dafür, was wiederum deren psychologische Situation zusätzlich verschlechtern musste.
 
Es ist unbestreitbar, dass unser heutiges auf Abwertung der Erziehungsarbeit beruhendes Sozialsystem von patriarchal denkenden Männern wie Adenauer geschaffen wurde. Beispielhaft dafür ist die Rentenreform 1957. Frauen spielten damals in der Politik noch eine geringe Rolle. Inzwischen wird diese mütter- und elternfeindliche Haltung aber am stärksten von Frauen verinnerlicht, die sich als feministisch bezeichnen und vorgeben, die Interessen von Frauen zu vertreten, aber ausschließlich in der Erwerbsarbeit eine Möglichkeit der „Selbstverwirklichung“ sehen. Begriffe, die eine Abwertung der Erziehungsarbeit zum Ausdruck bringen (wie „Herdprämie“ oder „Gluckengeld“) werden inzwischen leider auch häufig von „patriarchalisierten Frauen“ verwendet.
 
Notwendiger Paradigmenwechsel
Die Milupa-Studie bestätigt einmal mehr, dass das heute von allen fünf Bundestagsparteien propagierte „Hamsterrad Familie und Beruf“ kein zukunftsfähiger Weg ist. Schon dieses Schlagwort vermittelt unterschwellig eine Abwertung der Erziehungsleistung, denn es vermittelt ja, dass Arbeit für Kinder und Pflegebedürftige in der Familie kein „Beruf“ sei. Damit werden Wertmaßstäbe gesetzt, denen nur noch durch Verzicht auf Kinder entsprochen werden kann.
 
Bleibt unsere Gesellschaft bei dieser mütter- und kinderfeindlichen Wertorientierung, hat sie sicher keine Zukunft.
 
JR/UF

Weitere Informationen unter www.johannes-resch.de
 
Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Johannes Resch; Forsythie: CF; unten: CG