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Abgeliefert: Die „Generation Krippe“

Zum Stichtag 1. März 2012 waren laut Statistischem Bundesamt 27,6 Prozent der unter 3-jährigen Kinder in Fremdbetreuung. Angestrebt ist eine Betreuungsquote von 35 Prozent auf insgesamt 750.000 Krippenplätze in Deutschland.

Gita erzählt uns von ihrem Probearbeitstag in der Kinderkrippe: „Die Gruppen der Allerkleinsten im Alter von sechs Monaten bis drei Jahre haben niedliche Namen. In der „Mäusegruppe“ lernte ich den 2jährigen Amadeo kennen. Seine Mutter will einen Schulabschluss nachholen und liefert ihn jeden Morgen ab. Hier ist von 7 Uhr morgens an sein „Zuhause“, in dem er seine Weltwahrnehmung entwickelt und leben lernt - ohne Mama, ohne vertraute Räume, ohne seine eigenen Spielsachen, ohne organischen und natürlichen Alltagsablauf. Er wird von Fremden betreut in einer fremden Umgebung, die aus hygienischen Gründen pflegeleicht und steril gestaltet ist, und dennoch bekommt er mehr fremde Keime ab als daheim. Sein Tag folgt einer an den Arbeitszeiten der Erzieherinnen und den Lieferzeiten der Großküche angepassten Routine."

Amedeo hat einige Überlebensstrategien entwickelt. Eine davon besteht darin, sich vorzudrängen. Besonders die körperlich unterlegenen Kinder schubst er aus dem Weg, wo immer sie ihn kreuzen. Die Spielecke beherrscht er allein. Als Gita sich dort auf den Boden setzt, um mit den Kindern zu bauen, klettert er auf ihren Schoß, den er fortan vor anderen besetzt hält. Eine der Betreuerinnen meint, es sei ein gutes Zeichen, dass er gleich Vertrauen zu ihr fasst. Aber Gita sieht es anders: „Er hat seine natürlichen Schutzinstinkte vor Fremden bereits verloren. Es ist nicht natürlich, dass sich ein zweijähriges Kind so schnell auf die körperliche Nähe eines fremden Menschen einlässt.“

Wir betrachten Fotos von einer Faschingsfeier in der Krippe. Die Kinder stecken in lustigen Kostümen, aber ihre Augen blicken traurig und leer in die Kamera. Auch eine noch so engagierte Krippenpädagogik kann das Trauma einer zu frühen Trennung von der Mutter nicht wieder gut machen. Auch wenn Kinder beim Abschied von der Mutter nicht mehr weinen und dies als „Eingewöhnung“ interpretiert wird, zeigt es in Wirklichkeit, dass das Kind resigniert hat.

Unser Herz, unsere Intuition und unser Verstand sagt: Kinder, die den Großteil ihrer Kindheit nicht in ihrem eigenen Zuhause verbringen dürfen, sind nicht sicher und gut betreut und versorgt. Tägliche lange Trennungen von der Mutter bedeuten für ein Baby oder Kleinkind enormen Stress. Es verfügt noch nicht über die intellektuellen Fähigkeiten, um die Trennung verstehen zu können und erlebt sie als endgültigen Verlust. Sein Cortisolspiegel erhöht sich dadurch dauerhaft, was laut neuesten epigenischen Forschungen sogar die Gene schädigen kann. Dazu kommen die seelischen Probleme, weil es sein Urvertrauen verliert und sich nicht einmal mehr auf die Zuwendung der Mutter wirklich einlassen kann. Die Folge können Entwicklungs-, Bindungs- oder Persönlichkeitsstörungen, mangelnde Empathie und Sozialkompetenz sein. Darüber hinaus ist inzwischen erwiesen, dass Kinder nur bei ihren Müttern am besten sprechen lernen, die Voraussetzung für die weitere kognitive Entwicklung und Lernfähigkeit.

Kinderkrippen und Ganztagsschulen gehen an den Grundbedürfnissen von Kindern und Müttern vorbei. Untersuchungen wollen uns glauben machen, Kinder kämen mit dieser Form von Kindheit bestens klar. Sigrid (35), Mutter von zwei Kindern, widerlegt das: „Ich finde die Vorstellung schrecklich, meine Kinder den ganzen Tag nicht zu sehen. Auch für die Kinder wäre das absolut nicht das, was sie brauchen. Für meine ältere Tochter ist es schon lang genug, wenn sie sechs Stunden in der Schule verbringen muss. Ich finde, niemandem darf die Ganztagsbetreuung aufgezwungen werden.“ Nach acht oder mehr Stunden Getrenntheit ist es kompliziert, die Verbundenheit zwischen Mutter und Kind wieder aufzunehmen. Beide sind müde, müssen aber noch einkaufen, Abend essen Hausaufgaben und Hausarbeit erledigen. Viel Zeit und Kraft für das gegenseitige Aufeinander-Einstimmen bleibt da nicht. Welche Fähigkeiten und welche Formen der Zuwendung unser Kind von uns braucht, wandelt sich ständig. Nur die anwesende Mutter kann spontan auf die Bedürfnisse des Kindes reagieren.

Seit die Therapeutin Jean Liedloff 1977 in ihrem Buch „Die Suche nach dem verlorenen Glück“ beschrieben hat, dass ein Umfeld der sicheren Bindung und Kontinuität (das sog. „Kontinuum Konzept“) für ein Kind notwendig ist, damit sein gutes Gedeihen gewährleistet ist, hat die Bindungsforschung die Unersetzbarkeit der Mutter-Kind-Beziehung ständig weiter untermauert. Eine Fülle von Informationen dazu liefern Forscher und Psychotherapeuten wie Wilhelm und Eva Reich, John Bowlby, Steve Biddulph, Christa Meves oder Dr. med. Karl Heinz Brisch und Prof. Dr. Gerald Hüther, um nur einige zu nennen.

Dagmar, Mutter dreier Söhne, erzählt: „Durch meinen 12jährigen Sohn habe ich guten Kontakt zu jüngeren Müttern. Ich erlebe darunter viele, die lieber Vollzeit-Familienarbeit bei ihren eigenen Kindern leisten möchten, als diese Arbeit zu delegieren, um der politisch und gesellschaftlich diktierten Vereinbarkeit Folge zu leisten. Und ich sehe ihre Sorge und Verzweiflung bei der Frage, wie das in dem momentanen politischen Klima gehen soll. Von echter Wahlfreiheit kann hier nicht die Rede sein. Ganz besonders nicht nach der Reform des Unterhaltsrechts vom 01.01.2008, welche die Mütter dreijähriger Kinder in die Erwerbstätigkeit zwingt.“ Auch das „Gesetz zur Förderung von Kindern unter drei Jahren in Tageseinrichtungen und in der Kindertagespflege“ (KiföG), das am 7. November 2008 vom Bundestag verabschiedet wurde, steht im Widerspruch zum Grundgesetz (Art. 6, Abs. 2) und zur Kinderrechtskonvention (Art. 7). Daraus leitet sich das Recht des Kindes auf die Betreuung in seiner Familie ab.
Auch das Kinderbetreuungsurteil des Bundesverfassungsgerichts vom 10.11.1998 wurde politisch bis heute nur für den weiteren Krippenausbau ausgelegt, obwohl es auch die Frauen betrifft, die voll für ihre Kinder da sein möchten:„Neben der Pflicht, die von den Eltern im Dienst des Kindeswohls getroffenen Entscheidungen anzuerkennen und daran keine benachteiligenden Rechtsfolgen zu knüpfen, ergibt sich aus der Schutzpflicht des Art. 6 Abs. 1 GG auch die Aufgabe des Staates, die Kinderbetreuung in der jeweils von den Eltern gewählten Form in ihren tatsächlichen Voraussetzungen zu ermöglichen und zu fördern. Die Kinderbetreuung ist eine Leistung, die auch im Interesse der Gemeinschaft liegt und deren Anerkennung verlangt. Der Staat hat dementsprechend dafür Sorge zu tragen, dass es Eltern gleichermaßen möglich ist, teilweise und zeitweise auf eine eigene Erwerbstätigkeit zugunsten der persönlichen Betreuung ihrer Kinder zu verzichten wie auch Familientätigkeit und Erwerbstätigkeit miteinander zu verbinden…“

Doch die 24-Stunden-Kita-Ideologie schürt den Trend, immer mehr und immer jüngere Kinder nicht mehr von der Mutter, sondern von fremden Personen aufziehen zu lassen. Denn für die Betreuung durch die Mutter wird auch 2014 das Elterngeld nur für magere 12 bis 14 Lebensmonate eines Babys bezahlt (zwischen € 300 und maximal € 1800 monatlich; 67 Prozent des in den zwölf Kalendermonaten vor dem Monat der Geburt des Kindes durchschnittlich erzielten Monatseinkommens). Bei ALG II wird das Elterngeld verrechnet, das heißt, Mütter, die auf diese Sozialleistung angewiesen sind, erhalten es nicht zusätzlich. Immer noch fehlt eine Lobby für Mütter und ihre Leistungen, die sie als Mutter erbringen, einschließlich der Realisierung eines Müttergehalts.

Viele Mütter dürfen ihren Kindern aus finanzieller Not heraus ihre ungeteilte Zuwendung und Zeit nicht in den paar Jahren geben, die eine Kindheit dauert. Diese Jahre lassen sich nicht nachholen. Kindheit lässt sich nicht auf später verschieben – ebenso wenig das Muttersein. Kinder brauchen die ständige Gegenwart der Mutter. Sie gedeihen am besten, wenn sie sicher sind, dass die Mutter jederzeit für sie da sein kann. Dieses Rückversicherungsbündnis mit der Mutter brauchen Kinder bis ins Erwachsenenalter hinein. Dann werden sie stabile, zufriedene, lebensbejahende und kreative Menschen, die unsere Zukunft weiter gestalten. Nicht die Kinder sind schuld, dass Mütter den Spagat zwischen Kindern und Arbeit machen müssen, sondern die gesellschaftliche Strukturen. Oft entscheiden Mütter aus äußeren und inneren Zwängen heraus, sich von ihren Kindern zu früh und zu lange zu trennen, nur um wieder berufstätig sein zu können. Statt sich bewusst zu machen, dass ein Kind ungefähr nach vier Jahren selbst gerne einen Vormittag lang in den Kindergarten geht und an vielen Nachmittagen mit seinen FreundInnen spielt, was der Mutter mehr Freiraum für andere Betätigungen schafft.

Für Mütter sind es nur ein paar Jahre, die sie sich ganz ihren Kindern widmen können. Für die Kinder bedeutet es, wie sie für den Rest ihres Lebens geprägt sind.

Lesetipps 

Ralf Felix Siebler: Heim will! Argumente für die unverkürzte Elternschaft

80 Seiten, Broschur, Oktober 2013, Verlag BOOKSun, € 9,95, ISBN 9783941527195

Ralf Felix Siebler hat ein lesenswertes Plädoyer gegen die zu frühe und zu lange Fremdbetreuung von Kindern verfasst. Er beschreibt die Absurdität der Lebenswirklichkeit im patriarchalen Turbokapitalismus aus der Betroffenheit eines Vaters heraus, der die Zeit mit seiner Tochter bewußt erlebt und von Anfang an genießen konnte: „Die Familie verkommt zur Freizeitbeschäftigung – später vielleicht, wenn uns die Märkte Zeit dazu lassen. Von Politik und Wirtschaft wird uns die Fremdbetreuung unserer Kinder immer wieder als ebenso wünschenswert wie unausweichlich dargestellt.“ Aber, so hinterfragt er, „wollen wir unser wichtigstes Lebenswerk denn wirklich aus der Hand geben? So oft und so lange, wie nur irgend möglich?“ Glasklar wird auch, dass kaum eine Kita den geforderten Standards entspricht und auch niemals die sichere Bindung zur Mutter und zur Familie ersetzen kann. Der Autor läßt die LeserInnen spüren, was ein fiktiver kleiner „Kevin“ in der Kita empfindet, der sehnlichst „heim will“, und setzt sich für seine natürlichen Bedürfnisse nach einem geborgenen und vertrauten Nest ein: „Gibt es denn nicht auch ein Grundrecht auf die eigenen Eltern – auf ihre ungeteilte Zuwendung, zumindest am Beginn des Lebens?“ Ralf Felix Siebler macht Mut, auf die innere Stimme zu hören und sich beherzt gegen den politischen „Trend“ zu entscheiden, denn: „U3-Betreuung ist (…) mitnichten ein Indikator für eine moderne und lebenswerte Gesellschaft – ganz im Gegenteil.“

Bernhard Heinzlmaier, Philipp Ikrath: Generation Ego. Die Werte der Jugend im 21. Jahrhundert

208 Seiten, Promedia Verlag, broschiert, erschienen 2013, ISBN 978-3-95371-361-7, € 17,90

Die Trend- und Jugendkulturforscher Heinzelmaier und Ikrath untersuchen die Werte und Ideale der „Generation Ego“. Sie bringen viel Verständnis für die Jugendlichen auf, die in einer globalisierten, ökonomisierten Welt aufwachsen, in der sich alle Lebensbereiche der „Erwerbskultur unterordnen müssen“. Die Entfaltung und Selbstfindung in der Freizeit kommt viel zu kurz, da „die Schule, (…) nun ganztägig werden muss, nicht aufgrund von pädagogisch sinnvollen Erwägungen, sondern weil sie berufstätige Eltern in ihrer Betreuungspflicht entlasten soll.“ Die Autoren geben interessante Ausblicke, die noch aufschlussreicher werden, wenn sie in einen Kontext mit der Patriarchatskritik gestellt werden. Was die Analyse nicht aufgreift, ist das zunehmende Interesse der jungen Menschen an ökologischen Verbesserungen wie Tier- und Umweltschutz, veganer Ernährung, sowie ihre Ablehnung von Billigtextilherstellung.
Ein Buch für alle, die sich mit der Zukunft der Menschheit und dem notwendigen Paradigmenwechsel befassen. 

UF
 
Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Verlag BOOKSUN Ltd.; Promedia Druck-Verlagsges.m.b.H.; Natur: CG

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