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Der Tag, an dem sich die Welt verändern soll

Liebe Leserinnen,

am 14. Februar 2013 findet auf der ganzen Welt ein Frauen-Ereignis auf Initiative der Performance-Künstlerin Eve Ensler statt. Unter dem Motto „One Billion Rising“ wird der Valentinstag zum „V-Day“ gegen Gewalt („Violence), an dem eine Milliarde (engl. billion) gegen Gewalt gegen Frauen demonstrieren sollen.
 
Frauen werden an öffentlichen Plätzen tanzen. In Deutschland sind bis jetzt Gruppen aus über 160 Orten dabei. Monatelang probten Frauen in Gruppen die Choreographie von Debbie Allen zu „Break The Chains“, gesungen von Tena Clark. Der „Tanz-Mob“ soll „aussehen wie eine Revolution“, heißt es auf der offiziellen OBR-Webseite. Im Vorfeld wurde eine Vielzahl von Videos von Tanzgruppen einschließlich „Tool Kits“ ins Netz gestellt. Sogar rote OBR-T-Shirts gibt es zu kaufen. Der Mega-Event wird von Hollywood-Prominenz wie der Schauspielerin Jane Fonda ebenso unterstützt wie von Opferschutz-Organisationen wie dem Weißen Ring. Denn trotz 40 Jahre Frauenbewegung sieht es weder rot noch rosig aus für Frauen. Bei unserem Besuch des Weihnachtsbazars 2012 im Horizont-Frauenhaus von Jutta Speidel waren alle Plätze belegt. Frauen mussten sogar in den zusätzlichen Notschlafplätzen untergebracht werden.
 
Dr. Anita Heiliger, Sozialwissenschaftlerin und Frauenforscherin, zieht in ihrem Vortrag „Männergewalt gegen Frauen – und kein Ende in Sicht“ eine ernüchternde Bilanz: Trotz Aufklärung und politischen, sozialen und juristischen Maßnahmen in den letzen 40 Jahren sehen wir uns weltweit anhaltender Gewalt und Diskriminierung von Frauen gegenüber. Sie führt dies u. a. darauf zurück, dass viele Frauen patriarchale Strukturen übernehmen. Feministin zu sein ist nicht hip und eine „Emanze“ wird immer noch abgewertet. Weiblichkeit oder Mütterlichkeit werden immer noch mit verdrehten Inhalten in Verbindung gebracht oder gar nicht mehr in der Seele erspürt und bewusst gelebt. Außerdem meinen viele, sie seien doch längst gleichgestellt, weil sie in von Männern für Männer geschaffenen Leistungssystemen mitwirken und konkurrieren dürfen.
 
Augenwischerei in dieser Hinsicht bietet auch die Esoterik-Szene. Frauen pilgern zu Seminarveranstaltern, oft Pärchen, umgeben von einer Aura gespielter Glückseligkeit, die ihnen mit ein wenig Tünche auf der Fassade ein flüchtiges Hochgefühl vermitteln. Cleveren Marketingstrategen gelingt es, Frauen so zu blenden, dass sie oftmals die echten Angebote von erfahrenen Pionierinnen, die ihnen seit vielen Jahren heilsame Unterstützung und langfristige Begleitung in der Nähe anbieten, nicht mehr wahrnehmen.
 
Was „One Billion Rising“ zeigt, ist die große Frauen-Sehnsucht nach einem unangetasteten, respektierten Leben, in dem sie sich endlich wieder weiblich entfalten und sie selbst sein können. Die Hoffnung, die patriarchöse Gesellschaft werde sich endlich wandeln, spricht aus Posts wie „Das flasht mich total“ oder „Es macht mich so hoffnungsvoll.“ Der Wunsch nach einer starken Frauengemeinschaft steckt hinter der Mitteilung einer Frau, die sich beim gemeinsamen Auftritt „die Angst von der Seele tanzen“ will.
 
Die Social Networks erleben gerade einen OBR-Hype, der sich täglich mit ausgetauschten Glückskeksbotschaften steigert. Nur wenige äußern sich zurückhaltend, sie könnten eine Anti-Gewalt-Demo nicht mit dem Tanzmob vereinbaren oder sie fragen, ob es Frauen gibt, „die durch etwas anderes ihre Demonstration ausdrücken – wie an den Händen halten, stille Minute oder ähnliches.“ Eine verständliche Haltung. Eine Tanzgruppenleiterin hingegen erklärte, Tanz sei ein passender Ausdruck, weil er urweiblich sei. Ob es diese Tanzform sein wird, in der Frauen sich tatsächlich stark und souverän zeigen können, oder ob der "Fünf-Elemente-Hollywood-Condition-Stil" nicht eher dazu führt, dass Frauen und der Ernst ihrer Lage (wieder einmal) nicht ernst genommen werden, bleibt offen. Für Missverständnisse könnten auch Anfragen wie solche „nach Partys nach dem Event“ sorgen.

Ein virtuelles Gemeinschaftsgefühl suggeriert hier eine Nähe, die nicht echt sein kann. Noch vor Facebook oder Twitter erlebten einige von uns in einem Frauen-Chat-Room den Besuch eines „Hackers“, der sich als Frau ausgab. Er war so fair, dies noch an diesem Abend zuzugeben und sich wieder zu verabschieden. Seither griffen wir wieder zum Telefon, wenn wir uns nicht treffen konnten, weil die Kinder schon schliefen. Das Internet ist gut für schnelle und weltweite Informationsverbreitung, auch für die Vernetzung von Gleichgesinnten. Doch die Seifenblase der virtuellen Schwesternschaft wird an den rauen Kanten der Realität zerplatzen.
 
Die Autorin Luisa Francia informierte auf ihrer Webseite www.salamandra.de über die OBR-Aktion mit dem wichtigen Zusatz: „Doch ist es mit tanzen allein nicht getan. Die Veränderung beginnt im eigenen Bett, im eigenen Leben. Und das Problem dabei: Wenn die Unterstützerinnen weg sind, ist es besonders wichtig, Widerstand und Eigenmacht zu wagen - und besonders schwierig.“ (Eintrag am 31.01.13) Hier wären die realen „Schwestern“ im Alltag aufgerufen, ein kontinuierliches Frauenunterstützungsnetz zu bieten. Alles alleine stemmen zu müssen, gelingt nicht jeder. Wie eine Ordensschwester, die seit Jahrzehnten in einem Frauenhaus für Frauen und deren Kinder sorgt, erzählte, müsse sie oft verzweifelt zusehen, dass eine Frau zum dritten Mal zu einem gewalttätigen Partner zurückkehrt. Es bleibt also zu hoffen, dass sich Frauen nach „OBR“ im echten Leben zuverlässig und regelmäßig unterstützen, statt beispielsweise die Freundin oder die Frauengruppe im Stich zu lassen, sobald ein Mann in ihr Leben tritt. Oder weil sie einen Konflikt lieber beim Chanten oder in der Schwitzhütte lösen wollen. Erst wenn eine post-patriarchale Frauenkultur nicht nur in Visionen bei „Events“ gelebt wird, kann sich die Welt wirklich verändern.
 
UF
 
Fotos: CF

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