Wie Kinder eine gute Beziehung zu Geld entwickeln
Nicole Rupp ist Dipl. Betriebswirtin, Unternehmerin, Autorin und Geldtrainerin. Seit 2002 bietet die ehemalige Finanzberaterin Seminare und Coaching unter ihrer Marke geldbeziehung® an und beschäftigt sich auch mit den Themen „Frauen und Geld“ und „Kinder und Geld“. Die 37jährige Mutter einer Tochter und eines Sohnes vereinbart Familienarbeit und Geschäftsleben in einem ausgewogenen Verhältnis. Die Autorin des Buches „Der Wandel zur erfüllten Geldbeziehung“ lebt in München. Das Interview mit Nicole Rupp führte Ursula Fournier.
Frau Rupp, Sie erklären, dass die Einstellung zu uns selbst sehr viel dazu beiträgt, wie wir mit Geld umgehen?
Ja. Die eigene Einstellung ist ja eine Lebenseinstellung und spiegelt sich in allen Bereichen unseres Lebens. Ein Mensch der eine gesunde Einstellung zu sich selbst hat und sich wertvoll und geliebt fühlt, verkauft sich und die eigene Leistung automatisch entsprechend wertvoll. Dadurch verdient er mehr Geld. Und er gibt weniger Geld dafür aus, seinen Status aufpolieren zu müssen – das hat er ja gar nicht nötig - oder sich mit Frustkäufen über sein Mangelgefühl hinwegzutäuschen. Wenn wir begreifen, dass wir einzigartig sind, jeder Mensch eine ganz eigene Mischung an Talenten, Fähigkeiten und Potentialen hat, dann verkaufen wir uns mit diesem Bewusstsein wertvoller, verdienen mehr, leben leichter, zufriedener und bewegen uns vertrauensvoller im Leben.
Wenn wir unseren Kindern vermitteln, welchen Wert sie als Mensch haben, bekommen sie gleichzeitig ein Gefühl dafür, welchen Wert Ihre Fähigkeiten und Leistungen haben?
Ich sehe das eigene gesunde Selbst-Wert-Gefühl als die Basis für ein erfülltes und in jeder Beziehung erfolgreiches Leben. Ein Mensch, der sich wertvoll fühlt, ist glücklicher. Ein Mensch, der sich wertvoll fühlt, strahlt dies aus und zieht entsprechende Resonanz an. Er wird - unabhängig von Noten - immer eine bessere Bezahlung erlangen, als ein Mensch, dem dieses Selbstwertbewusstsein fehlt.
Die Gefahr im Schulsystem ist, dass Kinder das Gefühl bekommen die Summe ihrer Noten zu sein; selbst nur so gut zu sein, wie die Noten sind. Und nur die Chancen zu haben, die diese Noten ermöglichen.
Jeder Mensch ist wertvoll, einzigartig und besonders. Wir verdienen Geld, nicht für geleistete gute Schulnoten, sondern dafür, dass wir anderen einen Wert bieten. Dieser Wert kann auch sein: andere Menschen zum Lachen zu bringen. Nicht umsonst sind Comedy -Stars und alles was den Lachmuskel motiviert gerade sehr erfolgreich. Und der Wert für „mehr Lebensfreude“ wird noch weiter steigen.
Die zweite Voraussetzung für den Wert der eigenen Leistung ist, dass Kinder ein gesundes Wertegefühl lernen. In Zeiten gelebter Billigkeit geben wir viel Geld für Dinge aus, die in kürzester Zeit an Wert verlieren. 99% der Dinge, die wir heute kaufen, sind nach einem halben Jahr Müll! Das kann man Kindern schon beim Einkauf von Spielsachen vermitteln: Der billigste Plastiklaster ist nach kurzer Zeit defekt und allenfalls eine Verletzungsgefahr. An einen Wiederverkauf ist nicht zu denken. Gute Markenprodukte kosten dagegen zwar mehr Geld in der Anschaffung, jedoch bewahren sie in aller Regel auch ihren Wert wesentlich besser und genießen einen Zweitmarkt, der via Internet leicht zugängig ist.
Gerade bekommen die Kinder in Deutschland ihre Jahreszeugnisse. Was halten Sie davon, wenn Kinder für gute Noten mit Geld belohnt werden?
Ich kann mir auch viele andere Belohnungsformen vorstellen und würde es daran fest machen, wie es dem Kind damit geht und was sich das Kind als Belohnung wünscht. Offen über Geld sprechen zu lernen (nachdem viele Eltern noch von diesem Tabu geprägt sind, dass man über Geld nicht spricht) ist wichtig und lohnt sich in jedem Falle. So erfährt man Neues über das eigene Kind, dessen Standpunkt und darüber, was in dessen Umfeld üblich ist. Die meisten Eltern werden bei einem Gespräch mit offenen Fragen überrascht sein, was Kinder zum Thema Geld bewegt und welche Gedanken sie beschäftigen. Für viele Kinder wäre etwas exklusive Zeit mit den Eltern oder einem Elternteil vielleicht die größere, freudvollere und auch billigere Belohnung.
Als Motivationsfaktor ist Geld nur bedingt einsetzbar. In der Wirtschaft ist Geld ab einem gewissen Grad kein Anreiz mehr für bessere Leistung - schon gar nicht, wenn das Umfeld nicht stimmt. In der Schule ist das ähnlich: ein unmotiviertes Kind, das sich nicht wohl fühlt und in der Schule nicht mitkommt, wird sich nicht durch etwas mehr Geld motivieren lassen. Da sind die Rahmenbedingungen und Perspektiven entscheidender.
Wesentlich wichtiger als das „WAS wir tun“ ist das „WIE wir es tun“. Unsere Einstellung bzw. Haltung spielt nach meiner Beobachtung die maßgeblichere Rolle dabei, was beim Kind ankommt.
Wenn Sie einen Euro mit aufrichtiger Freude und Stolz für ihr Kind überreichen, dann fühlt das Kind Ihren Stolz und wird das Geld als Symbol dafür begreifen, schätzen und stolz und glücklich sein. Wenn Sie keine wirkliche Achtung vor der Leistung des Kindes haben und lapidar „Hier, hast du deinen Euro“ das Geld übergeben, dann wird auch das beim Kind ankommen. Das Kind wird keine große Achtung vor seiner eigenen Leistung haben und sich auch weniger über das Geld freuen.Wenn wir unseren Kindern einen achtsamen und respektvollen Umgang mit Geld vermitteln wollen, dann ist es wichtig selbst achtsam und respektvoll zu handeln.
Wie sehen Sie das Thema „Taschengeld“?
Ich halte generell nichts von „Ratschlägen“, sondern sehe meine Arbeit als Hilfe zur Selbsthilfe. Wäre es also nicht wesentlich spannender Jugendlichen zuzuhören, was sie selbst als sinnvoll erachten, welche Erkenntnisse sie aus scheinbaren Fehlern für sich ziehen, was sie glauben gut gemacht zu haben, mit welchen Ausgaben sie sich wohl fühlen, was sie sich für einen Umgang mit ihrem Taschengeld wünschen würden, wenn sie glaubten, völlig frei darüber entscheiden zu dürfen?
Welchen Stellenwert hat Geld überhaupt für unsere Kinder und in deren Freundschaften? Oft geben Kinder ja Geld aus, um „mithalten zu können“ oder ähnliches. Und wenn dem so ist, dann hilft es wenig, Kindern einen anderen Umgang mit Geld aufzuerlegen. Der Ausgangspunkt ist auch hier wieder ein mangelndes Selbstwertgefühl.
Scheinbares Fehlverhalten im Umgang mit Geld hat immer eine Ursache. Wenn in der Familie häufig über Geld gestritten wird oder Geld mit existenzielle Ängsten in Verbindung steht, dann bekommt das Kind schon diesen Stress, Streit oder Angstzustand zu spüren und es wird ihm entsprechend schwer fallen freudvoll und souverän mit Geld umzugehen. Insofern gibt es für die Eltern mehr zu tun als für die Kinder.
Deshalb sehe ich das Thema Taschengeld auch sehr entspannt: Im Grunde können doch Kinder mit Taschengeld – wenn es ehrliches Taschengeld ohne jede Verpflichtung oder Verantwortung gegenüber anderen ist - GAR NICHTS verkehrt machen. Entweder sie tätigen sofort eine sinnvolle Investition und haben ihre Freude daran. Oder sie machen eine Erfahrung, aus der sie wertvolles lernen können.
 Kinder und Jugendliche denken dabei oft ganz anders als ihre Eltern – und da sollte man ihnen den Freiraum und die Entfaltungsmöglichkeit auch lassen.
Während für Eltern ein neues Buch eine sinnvolle Anschaffung sein mag, bereitet dem Kind ein kaputter Fotoapparat vom Flohmarkt vielleicht mehr Freude – wenn es Spaß am Auseinanderlegen, erforschen, tüfteln und zusammenbauen hat. Werte unterliegen unserem subjektiven Empfinden. Wir sollten Kinder darin unterstützen sich von ihrem Gefühl und ihrer Überzeugung leiten zu lassen und ihrer Freude zu folgen. Sofern wir unseren Kindern wünschen, dass sie einen leichteren, souveränen wie freudvolleren Umgang mit Geld gewinnen.
Wenn ich Kinder frage, wie sie mir Geld bildlich beschreiben oder malen würden, dann malen jüngere Kinder oft bunte Tiere, oft noch mit Flügeln – leicht, bunt, fröhlich. In der Pubertät sind die Bilder dann grauer oder schwärzer und schwerer. Dunkle beängstigende Phantasietiere sind keine Ausnahme.
Schon Kinder erleben in der Schule viel Druck und die begrenzte Bewertung ihres Seins aufgrund ihrer Leistungen. In Bezug auf Geld erleben sie täglich all unsere Vorurteile und negativen Glaubenssätze, Abwertungen und Streitigkeiten um Geld, Neid, Gier und einer große Menge Angst. Je freudvoller und vorurteilsfreier wir selbst mit Geld umgehen, umso mehr werden auch Kinder geprägt darin Geld mit Freude zu erleben – frei von Verachtung oder Überbewertung.
Kinder bringen alles mit ins Leben, was sie für einen guten Umgang mit Geld brauchen: Sie sind mutig, sie sind begeisterungsfähig, sie stehen nach jedem Falle sofort wieder auf und machen weiter, sie lachen, vergessen beim Spielen die Zeit und gehen in jedem Moment auf. Im Laufe unserer Erziehung verlernen sie vieles davon, während wir uns in der Mitte des Lebens wieder auf den Weg machen, den Moment genießen zu lernen, uns selbst mehr zu schätzen, mit Begeisterung wie ein Kind unsere Leistung zu verkaufen.
Ich bin überzeugt, dass wir in Bezug auf Geld mehr von unseren Kindern lernen können, als wir glauben. Und dass wir unseren Kindern viel mehr Vertrauen schenken dürfen in ihrem Umgang mit Geld. Wenn wir sie in ihrem Selbstwerterleben fördern und sie in ihrem Wert stärken, dann haben wir ihnen mehr mit auf ihren Weg gegeben als nur einen scheinbar „richtigen“ Umgang mit Geld – wie auch immer der allgemein gesehen aussehen mag.
Meine persönliche Meinung dazu mag jetzt vielleicht nicht mehr überraschen.
Ich finde: Wenn ein Kind im Umgang mit Taschengeld lernt, auf sich selbst zu hören und seiner inneren Stimme und Überzeugung zu folgen, dann hat es viel für´ s Leben gelernt. Und wenn es seinen Wert erkennt und diesen kreativ einzusetzen vermag, um für andere Menschen einen Wert zu schaffen, dann gibt es keinen Grund für Zukunftssorgen.
Haben Sie konkrete Tipps für den Umgang mit Taschengeld?
Ganz spontan: Achtsam mit jedem Euro zu sein.Stets wertbewusst zu handeln und den realen Wert des Objektes sowie den persönlichen Nutzen zu prüfen und abzuwägen. Der eigenen Stimme folgen.Sich bei Ausgaben, die man mit Freude und bestem Gefühl getätigt hat, nicht durch andere verunsichern lassen.Sich nicht über Ausgaben oder Verluste ärgern, sondern konsequent daraus lernen.
Sie sagten in einem Radio-Interview, dass in der augenblicklich weit verbreiteten Krisenstimmung einerseits am falschen Ort gespart wird, andererseits doch viel zu viele unnötige Dinge gekauft würden, nur weil sie so „billig“ sind. Was sollen wir unseren Kindern beim Geldausgeben oder Sparen denn vorleben? Was sind für Sie die wichtigsten (Lebens)Werte?
Wertbewusstsein können wir nur vorleben, wenn wir uns unserer eigenen Werte bewusst sind. Dann erst können wir uns bei allen Investitionen daran orientieren – ohne uns von billigen Preisen verführen zu lassen und vieles kaufen, was wir nicht brauchen und unsere Umwelt völlig unnötig belasten.
Das ist das schöne am Thema Geld – als Ausdruck unserer Beziehung zu uns selbst: Es gibt nichts speziell für Geld zu tun. Geld ist ein Teil unseres Lebens. Sowohl für Geld wie auch für Liebe im Leben unserer Kinder liegt die gesunde Basis darin, dass wir ihnen reichlich Vertrauen, Wertschätzung und Liebe schenken.
Wie können sich Mütter von Ihnen beraten lassen?
Für Mütter mache ich das Training genauso wie mit allen meinen Kunden – eben am Fall/ Thema orientiert bis hin zur Lösung. In diesem Rahmen fände ich es interessant, Müttern die Gelegenheit zu geben, ihre Fragen oder Anliegen zu schildern. Ich beantworte das gerne.
Frau Rupp, ich bedanke mich sehr herzlich für das anregende Gespräch und die praktischen Ratschläge für unsere LeserInnen und wünsche Ihnen noch viel Freude und Erfolg für Ihr innovatives und zukunftsweisendes Engagement.
UF
Von Nicole Rupp ist das Buch „Haben kommt von Sein“ erschienen. Ein Teil des Erlöses aus dem Buch geht an den Horizont e. V., ein Projekt von der Schauspielerin Jutta Speidel für obdachlose Mütter und Kinder.
Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Nicole Rupp; unten rechts: UF
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