Ihr Entscheidungsspiel
„Von der Dramatik und Schönheit des Fußballspiels“ erzählt Gudrun Nositschka in ihrer Fußballgeschichte aus dem Jahr 1954, als Deutschland (BRD) die Fußball-WM gewann. Dass sich die Faszination „der Teufelskerle“ auf Frauen und Männer, jung und alt, bis heute nicht geändert hat, konnten wir auch in diesem Sommer 2010 mit „unseren“ jungen Spielern wie Müller, Özil, Cacau, Lahm, Schweinsteiger, Klose, Kkedira und Neuer, um nur ein paar zu nennen, in Südafrika erleben.
Morgens um sieben Uhr wachte sie auf - und Deutschland war immer noch Weltmeister. Fußballweltmeister. Seit genau neunzehn Tagen!
In Erinnerung an die sich überschlagene Stimme des Radioreporters Zimmermann, die „Aus, aus, aus! Das Spiel ist aus!“ jubelnd durch das Loewe – Opta - Radio ihrer Familie in das Wohnzimmer geschrien hatte, wo ihr Vater und sie anfänglich entsetzt, ernst, bangend und dann hoffend dem Endspielbericht in Bern gefolgt waren, schloss sie wieder zufrieden die Augen.
Welch ein wunderbarer Sommer! So viel Glück in kurzer Zeit. Es begann mit dem erlösenden 3:2 Sieg der deutschen Mannschaft gegen Ungarn, gefolgt von den Sommerferien, für sie die längste ungestörte Zeit zum Lesen. Aus Sorge, ihr könnte der Lesestoff versiegen, lieh sie sich in den Wochen wöchentlich je zwei Bücher in der Zechen- und in der Stadtbibliothek aus. Mehr als zwei waren leider nicht erlaubt. Deshalb hielt sie nach möglichst dicken Büchern Ausschau, ähnlich dick wie „Ein Kampf um Rom“.
Von heute an gerechnet betrugen die Schulferien immer noch gut vier Wochen, übermorgen stand ihre Zugreise zu ihrer Kusine nach Ahlen fest, und in wenigen Stunden, gegen Abend, würde sie wieder im Tor stehen.
„Ballspiel ist Ballspiel“, da war sie sich sicher, genährt von den glühenden Erzählungen ihres Vaters über die tollen Fußballkünste von Fritz Szepan und dessen Schwager Kuzorra bei Schalke und in der deutschen Mannschaft schon vor dem Krieg. Und jetzt - im Jahr 1954 -pries er Fritz Walter und dessen Bruder Ottmar von Kaiserslautern. Einfach Teufelskerle! Wie die die Ecken verwandelten! Dann leuchteten die Augen ihres Vaters vor Begeisterung. Sie ließ sich gern davon mitreißen.
Überhaupt war seit dem 4. Juli alles anders geworden. Die Nachkriegstraurigkeit der Männer, der Kinder, sogar die der Frauen, die sie kannte, schien mit dem gemeinsamen Jubelschrei verflogen zu sein. Jetzt stand Vorwärtsschauen auf der Tagesordnung; das Alte wurde über Nacht zur Vergangenheit. Und die Jungen spielten nur noch Fußball. Was machte ihnen da schon die schwere Lehrlingsarbeit auf der Zeche aus, wenn sie jeden Abend wie die Weltmeister aufspielen konnten? Sich mit Namen wie Eckel, Kohlmeier, Rahn und Fritz Walter schmückten?
Na ja, der Platz, auf dem sie spielten, sah gerade nicht sehr weltmeisterlich aus. Ein fester Sandboden mit Asche versetzt und gestampft, der sich nach jedem Regen für kurze Zeit in schwarzen Matsch verwandelte.
Ohne den Argwohn der Jungen zu wecken, vermied sie es in der Regel, sich nach dem Ball auf den grau-schwarzen Boden zu werfen. Jeder dieser Hechter ging auf nackte Knie.
Sie trug Röcke, keine langen Trainingshosen - die galten für Mädchen außerhalb der Sporthalle als unmöglich. Knieschoner kannte sie gar nicht. Die waren bestimmt für Memmen erdacht und vermutlich unerschwinglich teuer, wenn auch nicht so teuer wie Fußballschuhe, die sich auf der Landstraße kein Junge leisten konnte. Und für Mädchen waren solche Schuhe sowieso nicht vorgesehen.
Ihre Knie zeigten unter der verheilten Haut bereits schwarze Streifen, eine Kennzeichnung fürs Leben, wie der Doktor sagte, die sie aber nicht beachtete und fürs Mitspielendürfen hinnahm.
Spielte sie überhaupt richtig mit? Manchmal zweifelte sie daran. Stürmen und Tore schießen wollte sie, keine Bälle halten. Bei ihrem Einwand hatten die Jungen wie blöd gelacht. „Schicksen taugen nicht zum Stürmen“, erklärten sie ihr übereinstimmend. Die Mundfaulen nickten dazu. „Und wieso nicht?“, fragte sie ungläubig. „Mädchen können eben nicht tricksen“, behauptete Günther. „Sie sind Flaschen im Dribbeln“, ergänzte Reinhold. „Haben kein echtes Händchen zum Fummeln“, wusste Klaus. „Und überhaupt ist Fußball Männersache!“ fügte Ewald hinzu.
Das musste wohl stimmen. Stand sie nicht als einziges Mädchen auf dem Platz, während sich die Jungen stritten, wer von ihnen ins Tor gehen müsste? Jeder von ihnen wollte stürmen, nur stürmen. Keiner Verteidiger oder Torwart werden.
Plötzlich verstummten die Jungen und sahen sie an. „Du darfst unser Torwart sein“, bot ihr Günther den Ausweg wie eine Tafel Schokolade an.
Sie schluckte. „Und wer noch?“, fragte sie. „Wieso, wer noch? Nur du. Wir spielen alle Mann auf ein Tor. Mehr als sechs oder acht Mann kommen sowieso selten zusammen.“
„Datt könnt dir so passen! Spinnste? Ihr ballert dann alle auf mich drauf? Datt schaff ich nicht!“
„Klar schaffste datt. Zeich, watte kannst. Datt iss deine große Stunde. Eine Aat weiblicher Toni Turek!“ Und sie blieb. Hauptsache Ballspielen. Hauptsache mitspielen.
Andächtig reichten die Jungen schweigend Helmuths Lederball von Hand zu Hand. Auch ihr. „Und?“ fragte Hellmuth. „Ganz schön hart“, meinte sie.
„Klar doch. Nicht sonn Gummigescheiß wie dein Ball. Der muss aber auch einiges aushalten“, erklärte er stolz. „Dann lasst uns mal loslegen mit ein paar Probeschüssen!“ Und einer knallte auf ihre Brust. Ein grässlicher Schmerz.
Das Spiel begann. Das Brennen in ihren Händen wurde von Schuss zu Schuss schlimmer. Auch das Fausten half nicht. Ein Knöchel der rechten Hand blutete bereits. Unwichtig. Weiter. Eine Fußabwehr. Kaum noch Zeit zum Durchatmen.
Die Jungen wirkten so anders als gestern, wie besessen, hatten noch nie so entfesselt gespielt. Sie wollten schießen, nur schießen, und zum ersten Mal verspürte sie Angst. Angst vor einem weiteren Schuss auf die Brust.
Die Trefferquote steigerte sich von Minute zu Minute. Bei jedem Tor wurde die Torhüterin verdächtigt, Partei für die andere Mannschaft ergriffen und die Schüsse extra durchgelassen zu haben, und deswegen heftigst angebrüllt. Hin und wieder schrie sie erbost zurück und forderte die Brüller auf, gefälligst selber die anderen am Schießen zu hindern. Ihr Appell stieß auf taube Ohren. Stürmen und Schießen schien die stillschweigende Parole der Jungen zu sein. Am Ende stand es 7:7 unentschieden. Ein sagenhaftes Ergebnis, eine tolle Ausbeute für beide Gruppen. Schnaufend klatschten sich die acht Spieler mit sich, dem neuen Ball und dem Ergebnis zufrieden auf die Schultern.
Sie verspürte keinerlei Freude wie sonst nach einem Spiel. Verloren stand sie vor der Stallwand und entfernte sich schließlich unbemerkt von den siegreichen Jungen ohne das übliche Tschüs und eine erneute Verabredung. Erst bevor sie fast außer Sichtweite war, hörte sie Klaus hinter sich herrufen: “He! Allet klar? Dann bis Morgen!“
 Was für ein Spiel! Vierzehn Tore hatte sie kassiert. Ein trauriger Rekord. Beunruhigt lag sie im Bett und konnte nicht einschlafen. Wieder und wieder befühlte sie ihre schmerzende Brust. Ob die vom Schuss so angeschwollen war?
Oder...? Hier stockten ihre Gedanken. Wuchs ihr etwa ein Busen? Hatte das nicht ihre Kusine Gisela in den Osterferien prophezeit, als sie ihr abends im Bett mit Stolz von ihrer ersten Regelblutung erzählte?
‘Was für ein beknackter Tag’, dachte sie. ‘Bloß nicht heulen!’
Regungslos lag sie da, denkunfähig und lauschte auf ihr hämmerndes Herz. Nach einer endlos scheinenden Weile schob sie behutsam beide Hände auf diese neue, ungewohnte Brust und ließ sie dort liegen. Das Hämmern im Innern ebbte ab.
‘Also gut’, dachte sie. ‘Morgen werde ich nicht mehr im Tor stehen. Und bereits übermorgen sehe ich Gisela wieder.’ Sie liebte die Ferientage mit ihrer Kusine. Gemeinsam würden sie Tischtennis spielen, ins Kino gehen, musizieren und singen, spannende Geschichten erfinden und danach Theater spielen, sich nach drei Tagen heftig zerstreiten und wieder vertragen, italienisches Eis essen gehen und überhaupt stundenlang erzählen.
Ob sie ihr auch von dem wachsenden Busen erzählen sollte? Warum eigentlich nicht? Sie hatten keinerlei Geheimnisse voreinander. Noch nie. Und die grässliche Sache mit dem Brustschuss? Wäre es nicht besser, das zu verschweigen? Vielleicht würde sie diesen Schock irgendwann später mal beiläufig erwähnen, wenn es nicht mehr so weh tat, daran zu denken; vielleicht sogar schon in den nächsten Ferien. Doch auf keinen Fall schon übermorgen. Bei aller Liebe: Wie sie ihre Kusine kannte, würde die sich darüber scheckig lachen oder schlimmer noch, sich einfach nur schweigend an die Stirn tippen.
Denn eines war sonnenklar: Gisela hatte eben keinen blassen Schimmer von der Dramatik und Schönheit eines Fußballspiels!
Textauszug mit freundlicher Genehmigung der Autorin Gudrun Nositschka
Foto: oben: UF; unten: CG
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