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Bienen-Geheimnisse

Bienen arbeiten fleißig für uns - was tun wir für ihre Rettung? Diese wichtige Frage stellt Irene Dalichow.
 
„Mensch und Honigbiene sind in einer modernen Kulturlandschaft in gegenseitiger Abhängigkeit verbunden. Ohne Honigbienen gibt es keine Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft“, beteuert der Bienen-forscher Prof. Jürgen Tautz. Bienen sind also nicht einfach bloß Honigproduzenten. Als Bestäuberinnen unserer Kulturpflanzen spielen sie sowohl ökologisch als auch ökonomisch eine unglaublich wichtige Rolle. Deshalb sollten wir uns um ihr Überleben kümmern.
 
Heilige Bienen
Seit Jahrtausenden üben die Bienen und ihre Welten eine Faszination auf den Menschen aus - auch wegen ihrer Lebensform in Völkern, die jeweils nur von einer einzigen Mutter und Königin regiert werden. In vielen Kulturen wurden die Bienen als heilig verehrt. Auch im Christentum hat sie einen ausgezeichneten Ruf: Papst Urban VIII wählte die Biene sozusagen als „Logo“ in seinem Emblem (wie übrigens auch Napoleon) - der heilige Ambrosius verglich die Kirche mit einem Bienenkorb und wurde später zum Schutzheiligen der Imker erklärt - und in der Kirche wurde der „Bienensegen“ gesprochen, ein Text, in dem die Bienen gebeten wurden, zu kommen und zu bleiben. (Einer der ältesten deutschen Texte überhaupt ist der „Lorscher Bienensegen“ aus dem 10. Jahrhundert.)
 
Im alten Ägypten galt die Biene als eine Art Krafttier der Pharaonen. Stilisierte Bienen finden sich auf pharaonischen Statuen, Wandmalereien und Grabmälern - weil sie zu den ganz wenigen Insekten gehören, die nach einer Winterruhe im Frühling „zu neuem Leben erwachen“, sah man sie als Symbol für Unsterblichkeit und Auferstehung. Und als Grabbeigaben in Pharaonengräbern fand man Honig, der sich in luftdicht verschlossenen Behältern über Tausende Jahre gehalten hat! Honig war übrigens im Altertum eins der wichtigsten Konservierungsmittel zum Einbalsamieren von Verstorbenen - deshalb sagte man statt „sterben“ „in den Honig fallen“.
 
Mykenische und anatolische Herrscherinnen aus matriarchaler Zeit galten als Personifikation der großen Göttin, welche die „reine Mutter Biene“ genannt wurde. Und die Pythagoräer meditierten über Honigwaben, um in ihrer Geometrie die Geheimnisse der Natur, die elementare Symmetrie des Kosmos zu entschlüsseln.
 
Bienensterben
In unserer westlichen Kultur wurde den Bienen während der letzten Jahrhunderte wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Doch neuerdings spricht man wieder über sie - denn die Bienen sind in Gefahr. Im Jahr 2007 verschwanden allein in den USA um die 600.000 Bienenvölker, beinah ein Viertel der gesamten Population. Eine Krise, die sich unbehoben auch wirtschaftlich auswirken könnte: Französische und deutsche Wissenschaftler berechneten den Wert der jährlichen Bestäubungsleistung von Bienen und kamen dabei auf geschätzte 153 Milliarden Euro. Das entspricht 9,5 Prozent der jährlichen Lebensmittel-Agrarproduktion weltweit! Das rätselhafte Verschwinden der Bienen betrifft aber auch uns als Einzelkonsumenten: Im Sommer 2008 zum Beispiel schossen die Preise für frische Kirschen in astronomische Höhen - es waren zu wenig Kirschen gereift, weil nicht genügend Kirschblüten von Bienen aufgesucht wurden.
 
Auch in unserem mitteleuropäischen Raum gab und gibt es schlimme Bienenvölker-Verluste. In der Zeitschrift „The Epoch Times“ vom September 2009 berichtet der Sprecher der biodynamisch arbeitenden Demeter-Imker Günter Friedmann: „Der Futtermangel in der Natur ist dramatisch. Wenn nicht rasch ein Umdenken und neues Handeln in der Landwirtschaft erfolgt, werden wir stumme Sommer erleben.“ Grund für diesen Futtermangel seien die Flurbereinigungen und der Mangel an blühenden Sträuchern, Obstbäumen und Wiesen, welche den Bienen ohne Unterbrechung bis zu ihrer Winterruhe Nektar zur Verfügung stellen. Friedmann ist seit 30 Jahren Berufsimker und erklärt, dass für die Bienen nach der Rapsblüte Mitte bis Ende Mai in vielen Regionen eine Zeit des Mangels und des Hungerns beginnt. Geschwächte Bienen seien aber auch anfälliger für Krankheiten und Parasiten, wie die vor Jahren aus Asien eingeschleppte Varroamilbe, die unter anderem für das Bienensterben der vergangenen Jahre verantwortlich ist.
 
Bienenfeinde
Es gibt aber noch eine ganze Reihe weiterer Erklärungen dafür, warum es mit den kleinen Brummern nicht zum Besten bestellt ist:
Eine genetische Verarmung bei den Bienen, entstanden durch Überzüchtung/ Inzucht, die sie krankheitsanfälliger macht.
Genmanipulierte Pflanzen, deren Pollen sich schädlich auf die Gesundheit der Insekten auswirken.
Unsachgemäße Verwendung von chemischen Insektenvertilgungsmitteln.
Elektromagnetische Strahlung. Eine Arbeitsgruppe der Universität Koblenz hat bereits 2005 in einer Studie darauf hingewiesen, dass sich das Verhalten von Honigbienen unter der Strahlung von Mobiltelefonie-Netzen so verändert, dass sie nur unter Schwierigkeiten oder überhaupt nicht mehr in ihren Stock zurück finden.
Andere Insekten wie Wespen, Schmetterlinge, Fliegen und Motten.
Der fehlende Nachwuchs an Imkern ist ein weiterer Grund für die schlechte Situation der Bienen. In Mitteleuropa gilt die Imkerei eher als Hobby, und Hobby-Imker sind häufig Pensionisten, die über wenig finanzielle Mittel verfügen. Die Anschaffung neuer und die Versorgung kranker Bienenvölker kann aber jährlich Hunderte Euro kosten - und so beginnt der Teufelskreis: Je schwächer die Bienen werden, desto kostspieliger wird ihre Haltung, und desto weniger Imker gibt es. Bienenforscher fordern deshalb, dass der Staat die Imkerei entsprechend unterstützt.
Vermutlich geht das Bienensterben auf eine Kombination aller genannten Verursacher zurück.
 
Rettet die Bienen!
Eine mögliche Rettung für die Bienen könnte das zurzeit wachsende Interesse an Bienen-Produkten sein:
Honig gilt nicht nur als eines der schmackhaftesten und gesündesten Süßungsmittel - er hilft äußerlich angewendet auch bei Brandverletzungen, Bisswunden, Entzündungen. Propolis (das Kittharz der Bienen, welches ihren Stock zusätzlich gegen Krankheitserreger schützt) ist das stärkste natürliche Antibiotikum und hilft als Tinktur, Salbe, Nasenspray auch dem Menschen. Pollen gelten als Kraftnahrung schlechthin. Gelée Royale, der Futtersaft für die Bienenkönigin, hilft gegen Beschwerden in den Wechseljahren und unterstützt die Genesung von Krebspatienten. Und Bienenwachs wird gern als Bestandteil von Cremes, Salben sowie Lippenstiften verwendet - und natürlich auch für die wunderbar duftenden Bienenwachskerzen. Und auch die Apitherapie, eine der ältesten Heilmethoden mit Bienenprodukten, erlebt zur Zeit eine Renaissance. Diese Aufmerksamkeit lässt hoffen, dass sich die Menschen den ungeheuren Wert dieser nützlichen Insekten wieder mehr bewusst machen.
 
Das Wohlergehen der Menschheit ist mit dem Überleben der Bienen aufs Engste verknüpft. Albert Einstein drückte das ganz drastisch aus: „Wenn die Biene von der Erde verschwindet, dann hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben“. Am Beispiel der Bienen können wir lernen, die Natur zu verstehen - wie eins vom anderen abhängt, wie eins das andere positiv oder negativ beeinflusst, wie sinnvoll und komplex die Natur im Allgemeinen funktioniert. Um dieses empfindliche Gleichgewicht nicht zu zerstören, sollten wir uns dringend Gedanken machen, wie wir die Bienen und ihre Freunde, die Imker, unterstützen können.
 
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Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von WEGE 1/10 „Umwelt-Impulse“
 
Fotos: CG
 
Informationen unter: www.wege.at und www.irene-dalichow.de
 
Das Buch zum Thema:
„Bienengeheimnisse - Wie Bienen uns nützen und welche Gefahren ihnen heute drohen“ von Irene Dalichow (Verlag Goldmann Arkana)