Endlich tun, was ich am besten kann
In unserem Mütter-Image-Profil stellen wir eine Mutter vor, die sagt: „Als freischaffende Kreative ein Kind großzuziehen kommt dem Versuch gleich, ein Kamel durch ein Nadelöhr zu bringen. Auf Anhieb geht es nicht, und am Ende flutscht es doch durch.“ Uli Bez ist Filmemacherin und veranstaltet Workshops zum Thema „Filmemachen für Frauen“ und Dokumentarfilm-Regie. Sie hat den mutigen Schritt gewagt, sich beruflich noch einmal neu zu orientieren, nachdem ihr Sohn inzwischen erwachsen ist.
 Uli Bez erzählt von ihrer Zeit als berufstätige Mutter: „Erst begann ich, einige Semester Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte zu studieren. Dann folgten meine Lehrjahre in einer Dokumentarfilmfirma. Hier lernte ich alles über Film und erhielt den ersten Schliff als Junior-Cutterin. Zwölf Jahre lang war ich feste freie Filmcutterin überwiegend beim Bayerischen Fernsehen. Mein erster eigener langer Dokumentarfilm entstand 1988.
Fast zeitgleich mit dem Drehschluss Ende 1988 kam mein Sohn Julian zur Welt. Seine ersten Lebensmonate verbrachte er im Schneideraum. Schlaf fand er im schalldichten Tonstudio. Wen wundert es, dass er Bilder, Töne und die Stille liebt. Heute, mehr als 20 Jahre später, ist mein Film ein einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument und erlebt ein Revival. Mein Sohn Julian, mittlerweile selbst Junior-Videoeditor, stellt gerade eine erweiterte Ausgabe des Films mit bisher unveröffentlichtem Material zusammen.
Durststrecken sind wie ein Ritt durch die Wüste - am Ende kommt immer eine Oase
Es folgten interessante, gleichwohl Kräfte zehrende Jahre als feste freie Mitarbeiterin beim Fernsehen. Äußere und innere Widerstände bremsten die Entwicklungsprozesse. Es sind vor allem die eigenen Ängste, die vor dem Hintergrund der strukturellen Benachteiligung von Frauen- bzw. Familienarbeit immer wieder zu Konflikten führen. Aber Julians sonniges Gemüt, seine Flexibilität und das unermüdliche Engagement seiner Großeltern federten die Belastungsspitzen ab.
Ein belebender, ja geradezu erfrischender Kontrast zur damaligen Situation war die Gründung von Tikala – Womyns Music and Art gemeinsam mit meiner damaligen Partnerin Nina Lahrssen, eine Plattform für Musikerinnen, bildende Künstlerinnen, Fotografinnen und Filmemacherinnen. Das Projekt besteht heute als Verein und ist aus der Frauenkulturszene nicht mehr wegzudenken.
Doch fehlende Strukturen für qualifizierte Kinderbetreuung, ein unzeitgemäßes Schulsystem und jahrelanger Raubbau an den Körperressourcen belasteten mich. Der Akku schwächelte und 1997 lagen die Nerven blank.
Da half nur eins: Der “Anstalt” (des Öffentlichen Rechts) den Rücken kehren, raus aus der Stadt, weg von Lärm und Stress. Im Allgäu fanden mein Sohn und ich die ersehnte Ruhe und Muße. Ein Laden mit Kunstgalerie bildete eine relativ entspannte Lebensgrundlage. Die gute Luft und die Berge taten das Übrige. Überraschend klopfte nach fünf Jahren die alte Leidenschaft an die Tür. Auftragsfilmregie und Rückkehr nach München. Eine Schulung für Video-Editoren brachte mich beruflich auf den neuesten Stand. Ein kurzer und ein langer Film entstanden. Dann ein Jahr Durststrecke. Ich hielt uns mit drei Aushilfsjobs über Wasser. Krankheit, Trennung und familiäre Schicksalsschläge peitschten im Monatstakt auf uns ein. Und so kam 2004 das Angebot einer Festanstellung in Teilzeit bei einer sehr namhaften Mediendesign- und Werbefilmfirma gerade noch zur rechten Zeit.
Die losen Enden bündeln
Aber der Schein trügt. Für eine +50erin gab es hier keine echte Karrierechance mehr. Der Job entpuppte sich als Einbahnstraße, und eh ich mich versah, war ich in der "Mutti-Schublade" gelandet. Der Frust mobilisierte Veränderungsenergie: Den Absprung schaffen und weitergehen. Denn in meinem Kopf stapelten sich die Filmideen. Kein Wunder also, dass ich mich eines Tages im Beratungsgespräch für Existenzgründerinnen bei GUIDE in München wiederfand.
Der Prozess, der durch die Beratung angestoßen wurde, war vor allem ein innerer. Aus meinem anfänglichen Panikgefühl "Mit 51 Jahren läuft die Zeit davon" kristallisierte sich ein allmählich wachsendes Selbstvertrauen: Endlich tun, was ich am besten kann. Mit Dokumentarfilmen die Geschichten der Menschen erzählen, die mir ihr Vertrauen schenken. Einen Raum öffnen, in dem etwas Gestalt annehmen kann. Dieser alte, starke Wunsch wurde greifbar, greifbarer als die Angst zu versagen. Und er hielt der Realitätsprüfung stand. Das war die beste Erfahrung!
Bereits im Juni klingelte das Telefon. Der erste Auftrag war da! Der Film ist ein kleines Juwel geworden. Zwei weitere Schnittaufträge schlossen sich an: Einer vom Verein der Familienfrauen und –Männer (Vffm) und der zweite von der Akademie Alma Mater, die mir einen Schnittauftrag für die Uraufführung beim Hambacher Fest 2010 erteilte.
Den eigenen Stil kultivieren
Die ersten Workshops habe ich inzwischen "absolviert", und natürlich war ich schrecklich nervös. Aber ich habe die Herausforderung gemeistert. Ich stellte fest, dass ich vieles, was ich weiß, für selbstverständlich hielt, aber dieses Wissen ist für andere durchaus neu und interessant. Und höchste Zeit wird es für uns Frauen, uns die Technik anzueignen, die heutzutage so leicht zugänglich ist und mit Kamera und Mikrofon umzugehen. Es gibt so viele spannende Frauen-Geschichten, die erzählt werden wollen, ganz abgesehen von der Geschichte der Frauenbewegung, die im Unterschied zur Geschichte der 68er noch kaum erzählt ist. Wir Frauen müssen unsere eigene(n) Geschichte(n) erzählen, denn niemand sonst wird es für uns tun.“
Zu ihrem Schritt in die Selbständigkeit meint Uli Bez: „Nichts ist besser, als auf der eigenen Landkarte zu reisen, vorausgesetzt frau hat einen Kompass dabei!“ Eine Weisheit der Inuit hat sie sich zum Lebensmotto gemacht: Wenn wir etwas Großes erreichen wollen, sollten wir auf die Kleinigkeiten achten.“
Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Uli Bez
UF
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