Depressionen bei Müttern
Dr. Johannes Resch ist Arzt für Neurologie und Psychiatrie und Arzt für Arbeits- und Sozialmedizin. An der Universität Heidelberg befasste er sich ausführlich mit dem deutschen Sozialsystem. Aufgrund seiner Analyse sieht er Zusammenhänge zwischen Mängeln im Sozialsystem und Depressionen bei Müttern. Ein Grund für sein ehrenamtliches familienpolitisches Engagement.
 Eine Depression ist eine psychische Störung mit Lust- und Interesselosigkeit, Unfähigkeit zur Freude und einer Hemmung von Antrieb und Denken. Die Folgen sind oft die Vernachlässigung von Alltagsaufgaben und persönliche Isolation. Sie kann Symptom einer Geistes- oder einer Gehirnkrankheit sein, aber auch eine Reaktion auf körperliche Erkrankungen oder einen Schicksalsschlag, wie zum Beispiel den Verlust eines geliebten Menschen.
Die häufigsten Depressionen sind jedoch anderer Art: Sie sind lebensgeschichtlich bedingt. Die Ursachen liegen zum einen in prägenden Kindheitserfahrungen und zum anderen in späteren, lang anhaltenden psychischen Belastungen. Meistens wirkt beides zusammen. Diese Störungen werden als „neurotische Depression“, „depressive Neurose“ oder neuerdings als „Dysthymie“ bezeichnet.
Neurotische Depressionen sind bei Frauen zwei- bis dreimal so häufig wie bei Männern und treten am häufigsten im mittleren Lebensalter auf (etwa zwischen 20 und 50 Jahren). Sie sind heute besonders häufig bei Müttern mehrerer Kinder. Das überrascht zunächst, denn in der älteren Literatur wurde meist eine Häufung bei kinderlosen Frauen beschrieben.
Dies lässt vermuten, dass tief greifende gesellschaftliche Veränderungen das Leben der Frauen beeinflusst haben. Ein Blick auf unsere Sozialgesetzgebung und deren Folgen macht deutlich, was sich hier verändert hat.
Frauen haben heute nahezu gleiche Chancen im Erwerbsleben wie Männer – solange sie kinderlos sind. Sobald sie Kinder haben und diese versorgen, werden sie zu Außenseitern der Gesellschaft. Sie werden zeitlich überfordert, wenn sie erwerbstätig bleiben, oder sie verarmen und werden verhöhnt, wenn sie sich ausschließlich ihren Kindern widmen. Dabei gibt nicht etwa ihr weibliches Geschlecht den Ausschlag, sondern ihre Tätigkeit, denn wenn Männer ihre Kinder betreuen, geht es ihnen ähnlich.
Noch vor 60 Jahren war die Erziehungsleistung der Mutter ein Beitrag zum Wohlstand der Familie, so wie die Erwerbstätigkeit ihres Ehemanns. Beide Eltern wussten, dass sie durch Kindererziehung für das Alter und den Krankheitsfall vorsorgten, da sie auf ihre Kinder zählen konnten. So war die Erziehung der Kinder nicht nur vom Vater, sondern von der ganzen Gesellschaft hoch geachtet.
Dieser Zustand änderte sich grundlegend durch die Rentenreform im Jahre 1957. Mit einem Schlag hatte die Erziehungsleistung keinen wirtschaftlichen Wert mehr. Die erwachsen gewordenen Kinder wurden gesetzlich verpflichtet, fremden, womöglich selbst kinderlosen Personen höhere Renten als die ihrer eigenen Eltern zu finanzieren. Aus dem von den Müttern erarbeiteten wirtschaftlichen Gewinn war plötzlich ein Verlust geworden. So führt unser Sozialrecht im Grunde zur Verarmung von Familien.
Die Abwertung der Familienarbeit spielte sich zunächst vor allem im Unterbewusstsein ab, hatte aber verheerende Folgen für das Ansehen der Mütter. Auch Ehemänner sahen in ihren Frauen nicht mehr die Garanten sozialer Sicherheit, sondern eine Gefährdung ihres Wohlstands. Die Mütter wiederum schoben die Schuld für ihre Abwertung oft auf die Väter, obwohl diese ebenso wie auch die Kinder zu den Opfern dieser Entwicklung zählen. Auf allen Seiten sammelte sich immer mehr Zündstoff für Ehe- und Familienkonflikte an.
Damit nicht genug. Nicht nur innerhalb der Familie veränderte sich die psychologische Situation. Infolge der gesellschaftlichen Abwertung ihrer Tätigkeit wurden Mütter immer mehr als „Heimchen am Herd“ betrachtet und behandelt. Zynischerweise häufig von beruflich erfolgreichen Frauen zum Beispiel in den Medien, die sich für schlauer halten, aber gar nicht erkennen, dass die Mütter ihre hohen Renten erarbeiten.
Dieser Zynismus wird auf die Spitze getrieben, wenn manche Wohlfahrtsverbände und auch kirchliche Organisationen heute den Müttern das Recht auf lächerliche 150 Euro Betreuungsgeld abstreiten, während ihre eigenen Betreuungseinrichtungen für einen Teil der gleichen Tätigkeit (die Tagesbetreuung an Wochentagen) den 7 bis 8-fachen Betrag kassieren.
Zur Begründung dieser Missverhältnisse werden zweifelhafte Studien erstellt, die die Überlegenheit „professioneller“ Kinderbetreuung beweisen sollen. Die Wirklichkeit zeigt dagegen, dass keine „Professionalität“ den Wert liebender Eltern ersetzen kann.
Bei diesen Bedingungen ist es nicht erstaunlich, dass es immer mehr depressive Mütter gibt. Die Depression der Mutter zieht möglicherweise eine depressive Entwicklung bei den Kindern nach sich. Die durch die Mängel unseres Sozialrechts bedingte Demontage der Familie ist nicht nur ungerecht gegenüber heutigen Eltern. Sie gefährdet auch die Gesundheit künftiger Generationen.
Zum Schluss stellt sich die Frage: Gibt es einen Ausweg? Vorstellbar ist, dass Mütter sich nicht „ducken und verkriechen“, sondern Mut fassen, eine Honorierung ihrer für die Gemeinschaft geleistete Arbeit zu fordern. Das ist auch die beste Therapie. Sie werden Gehör finden, wenn sie nur selbstbewusst genug auftreten. Sie können auch mit der Unterstützung vieler Väter rechnen. Der Verband der Familienfrauen und –männer (vffm) kann hier beispielsweise eine wichtige Rolle spielen.
JR
Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Johannes Resch
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