Gegen verdrehte Mütter-Bilder
Dr. Christa Mulack hat ein engagiertes Buch mit dem Titel „Der Mutterschaftsbetrug“ geschrieben. Darauf erhielt sie einen Leserinnenbrief von Christina Bauer, Fachärztin für psychotherapeutische Medizin. Immer wieder mutet es seltsam an, wie verdreht manche Frauen über ihre Mit-Frauen, die Mütter sind, denken. Schlimmstenfalls richten sie damit Schaden an, indem sie Mütter verunsichern, diskriminieren und Vorurteile gegen mütterliche Verhaltensweisen schüren. Christa Mulack fand erfrischend klare Worte gegen die verdrehten Mütter-Bilder.
Christa Mulack: Sehr geehrte Frau Bauer, auf Ihren Leserinnenbrief möchte ich Ihnen heute endlich antworten. Er hat mich doch - gelinde gesagt - schockiert, und zwar aus mehreren Gründen: Zunächst einmal Ihr Text, auf den ich abschnittweise eingehen werde.
Leserbrief: Immerhin ein Buch neuern Datums, 2006 erschienen - die darin beschriebene angebliche gesellschaftliche Struktur und deren Widerspiegelung in der psychologischen- psychotherapeutischen Theorie, aber erschreckend undifferenziert und auch sachlich falsch, mit einem spürbar darunter liegenden Groll.
Christa Mulack: Empfinden Sie etwa keinen Groll darüber, wie diese Gesellschaft mit Müttern umgeht??? Wie ist es da möglich, dass Sie, die Sie doch tagtäglich mit patriarchatsgeschädigten Menschen zu tun haben, jene strukturelle Gewalt nicht erkennen, die nicht etwa "angeblich" ist, wie Sie zu meinen scheinen, sondern knallhart real. Wenn auch sicher nicht für alle Mütter in gleicher Weise, das ist klar, aber doch für viel zu viele mit zunehmender Tendenz. Ich frage mich, wo Sie selbst sich verankern: In der Differenziertheit Ihrer "psychologischen-psychotherapeutischen Theorie" oder in der Wirklichkeit von Müttern?
Leserbrief: Natürlich gibt es dieses Phänomen und es gibt auch Fachliteratur darüber, aber die Fachdiskussion über die sogenannte „Triangulierung“ (in der ödipalen Phase oder auch davor) ist wirklich viel weiter und sehr viel differenzierter und der Realität angemessener! Da hätte Frau Mulack gut daran getan, bei ihren theologischen Leisten zu bleiben oder zumindest eine kundige psychotherapeutische Fachfrau zu Rate zu ziehen.
Christa Mulack: In Ihrem psychotherapeutischen Denken scheint offensichtlich die "Fachliteratur" einen wesentlich breiteren Raum einzunehmen, als die konkreten Lebenserfahrungen von Müttern. Fest steht, dass auch in einer noch so "differenzierten" Fachliteratur die Position der Mütter weitgehend ausgeklammert oder völlig falsch gedeutet und beschrieben wird, nämlich auf der Grundlage von Ressentiments gegen Mütter und nicht aus einem tieferen Verständnis für ihre Situation heraus. Im Übrigen benötige ich keine "kundige psychotherapeutische Fachfrau", da ich selbst Psychologie studiert habe und mich nach über 20jähriger - auch seelsorgerlich-therapeutischer - Arbeit bestens auskenne. Außerdem habe ich genügend Rückmeldungen - gerade von einsichtigeren Psychotherapeutinnen - , die meine Positionen haargenau bestätigen, ja, sogar ihren Patientinnen die Lektüre meiner Bücher empfehlen und ihnen raten, danach wiederzukommen, weil dann wichtige Erkenntnisprozesse bereits eingeleitet wurden.
Leserbrief: Im Übrigen möchte ich Frau Mulack sagen: doch, es gibt einen Mutterkult, und schlimmer noch, wir steuern geradewegs wieder darauf zu! Um das zu merken, muss frau nur mal eine Zeitschrift wie Gala oder Bunte aufschlagen, wo die Stars und Sternchen der Welt von ihrem Glück durch (viele) Kinder reden und sich „erst durch die Schwangerschaft als richtige Frau“ fühlen, frau muss nur die Bauch betonende Mode und das demonstrative Herausstellen schwangerer Bäuche in der Mode beobachten... Der Gang durch eine Babybekleidungsabteilung zeigt, dass damit auch die Geschlechtsrollenpolarisierung wieder extremer wird. Mütter kaufen’ s offenbar mit Begeisterung.
Christa Mulack: Vielleicht sollten wir uns erst einmal darüber klar werden, was ein "Mutterkult" ist, bzw. was wir darunter verstehen. Er hat nach meinem Verständnis nicht das Geringste mit irgendwelchen "Stars und Sternchen" zu tun, die "der Welt von ihrem Glück durch Kinder reden". Das haben Frauen und Mütter zu allen (patriar-chalen) Zeiten getan. Außerdem können Sie doch nicht in Abrede stellen, dass die Schwangerschaft Frauen eine weibliche Dimension erfahren lässt, die anders als durch Schwangerschaft nun einmal nicht zu haben ist. Was ist daran falsch? Mir ist das "Herausstellen schwangerer Bäuche" allemal lieber, als das schamhafte Verstecken derselben. Wir leben nun einmal in einer Zeit, die extrem auf die vorangegangene Epoche reagiert, ob uns das gefällt oder nicht. Aber daraus einen Kult abzuleiten, erscheint mir doch völlig absurd. Wo, bitteschön, findet denn die kultische Verehrung von Müttern statt??? Ich würde ihr gerne einmal beiwohnen. Immerhin sind sie die Ärmsten der Armen in einer Gesellschaft, die zwar die Kinderarmut beklagt, aber nicht deren Ursache: die Armut der Mütter. Würden wir sie wirklich kultisch verehren, würden wir ihnen unsere Schätze zu Füßen legen, ihnen alle Bedürfnisse erfüllen und ihre Werte zum Mittelpunkt unserer Kultur machen... Das Gegenteil ist jedoch der Fall.
Leserbrief: Mutter sein ist also IN! Wir tun gut daran, sorgfältig hinzuhören, mit wem wir da ins Horn stoßen wollen.
Christa Mulack: Das würde ich Ihnen auch empfehlen. Bei einem so drastischen Geburtenrückgang ist diese "In-Sein" reines Überlebenskalkül - und das ist doch wohl etwas anderes. Ich nehme Sie selbst hingegen auf der Seite der Mütter-Feindinnen wahr, die einen mehr oder weniger latenten Groll auf Mütter haben, die Sie vielleicht einmal einer Therapie unterziehen sollten.
Leserbrief: Als Psychotherapeutin (auch ein Beruf, wo es sehr um Mütterlichkeit geht) …
Christa Mulack: Ohne, dass Sie sich offenbar mit ihnen solidarisieren.
Leserbrief: ... begleite ich Frauen seit Jahren in ihrer Identitätsentwicklung als Töchter und Mütter. Dabei wird immer wieder auch deutlich, dass entgegen aller gesellschaftlichen Abwertung und Erschwernisse Mutter-Sein zumindest ein erhebliches Privileg mit sich bringt: nämlich die in der Schwangerschaft und zu Beginn des kindlichen Lebens fast absolute Verfügungsgewalt über ein abhängiges Wesen, dass die Mutter auf jeden Fall (wieder-)lieben muss und zu Beginn fast vollständig durch sie geprägt wird. Das ist eine große Macht!
Christa Mulack: In der Tat, aber sie wird Müttern eindeutig von Mutter Natur verliehen und von der Gesellschaft wieder aberkannt - wenn nicht gar geraubt, wenn das auch nur bis zu einem bestimmten Grad möglich ist, aber dennoch gefährliche Double-bind - Auswirkungen zur Folge hat, die in keiner Fachliteratur diskutiert werden. Die Gesellschaft hat noch nicht die Macht, sie den Müttern ganz abzunehmen, obwohl sie sich auf dem ’besten’ Wege dahin befindet. Immerhin stellt sie diese Macht als "illegitim" und "angemaßt" dar - eine unverkennbar patriarchale Projektion!! (Näheres darüber in meinem Buch "Der Mutterschaftsbetrug".)
Leserbrief: Frauen üben diese Macht auch aus, meist unreflektiert, durchaus nicht immer zum Wohl ihrer Kinder.
Christa Mulack: Genau das ist doch das Problem. Frauen wurden systematisch ohnmächtig gemacht und sollen nun plötzlich mit Macht umgehen können. Das ist ja das Gefährliche an der gesellschaftlich - patriarchalen Entmachtung der Frau.
Leserbrief: So gibt es durchaus die Frauen, die die sich auch einer noch so sanften Lösung der Mutter-Kind-Symbiose verweigern, weil das immer mit Machtverlust verbunden ist und vielmehr auch mühsame persönliche Entwicklung im eigenen Selbst benötigt.
Christa Mulack: Durch Jahrtausende hindurch hat diese christlich-abendländische Kultur den Frauen doch eingeredet, das Kind sei der einzige Sinn ihres Lebens (neben der umfassenden Versorgung des Mannes). Natürlich wird es Frauen damit schwer gemacht, sich von diesem "einzigen Lebenssinn" zu trennen. In sich machtvolle Frauen, die sich nicht im Patriarchat mit seiner aufgesetzten und geraubten Macht identifizieren, haben es nicht nötig, ihre persönliche Entwicklung vom Kind abhängig zu machen. Für eine solche Entfaltung bei Frauen setzen wir uns ein...
Leserbrief: Ist es nicht sowieso verwunderlich, dass in Zeiten immer längerer Lebenserwartung, wo die Zeit realer Mutterschaft immer weniger werden könnte, gerade das Mutter-Sein so festgehalten wird entgegen anderen Aspekten des Frau-Seins?
Christa Mulack: Das nehme ich völlig anders wahr. Diese Gesellschaft hält doch gar nicht am Muttersein fest. Es wird doch alles getan, um die Frau vom Kind wegzutreiben in die eigene Erwerbstätigkeit, damit sie nur ja dem Vater Staat nicht auf der Tasche liegt; denn Mütterarbeit muss selbstverständlich gratis sein und darf nichts kosten. Sie ist nicht einmal mit einem Anrecht auf angemessene Altersversorgung verbunden. In den Medien kommen Mütter als solche und realiter doch nur vor, wenn es den Medien in den Kram passt. Ansonsten spielen sie doch überhaupt keine Rolle... Wer hält denn das Mutter-Sein fest??
Leserbrief: Wenn wir aber darin übereinstimmen, dass es um eine Macht geht, wird diese nicht wirklich aufgehoben durch die patriarchalen Verhältnisse, sondern nur dadurch ins Dunkle verbannt und indirekt ausgeübt.
Christa Mulack: Sie soll auf keinen Fall "aufgehoben" im Sinne von "abgeschafft", sondern vielmehr ins Bewusstsein gehoben werden. Mütter müssen sich endlich ihrer wahren Macht bewusst werden, damit diese nicht ins Negativ-Destruktive abgleitet. Frauen haben ein Recht auf Macht - und Mütter allemal. Sie verkörpern die einzig legitime Macht auf Erden, die sie in matriarchalen Kulturen mit großer Weisheit und Umsicht einsetzen. Erst im patriarchalen System verkam sie zu Herrschaft.
Leserbrief: Das macht es schwieriger, die negativen, destruktiven Aspekte daran wahrzunehmen und bewusst damit umzugehen. Das aber ist dringend nötig, auch beim Mutter-Thema!
Christa Mulack: Damit haben wir offenbar weniger Probleme als Sie, wie Ihr Schreiben zeigt. Vielleicht sollten Sie sich Ihre eigenen Mutter-Erfahrungen noch einmal gründlicher anschauen und die damit zusammenhängenden Ressentiments bearbeiten, bevor Sie diese an Ihre Klientinnen - und an mich - weitergeben.
Leserbrief: In der Hoffnung auf weitere fruchtbare Diskussionen! Christina Bauer
Christa Mulack: Ich schließe mich Ihrer Hoffnung an. Christa Mulack
Der Brief erschien in Matriaval Nr. 9. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Uschi Madeisky, Matriaval.
Unsere Rezension zu Christa Mulack „Der Mutterschaftsbetrug“ finden Sie hier.
Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Christa Mulack
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