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Seufzer der Erleichterung

Unser Atem hat viel mit dem Gefühl von Freiheit zu tun. Das spiegeln auch Redewendungen wie “befreit aufatmen” oder “die Luft anhalten” wider. Stimm- und Atemseminare können uns dabei unterstützen, uns mit unserem Atemmuster zu beschäftigen, unseren Atem zu befreien und unserer Stimme mehr Aus- und Nachdruck zu verleihen. Lisa Samia Högg besuchte einStimm- und Atemseminar für Alltag und Bühne mit Christine Steinhart vom ARTEMIS - Schauspielstudio in München und bekam „Lust zu tönen“.
 
„Was röhrt und japst denn da so im Hintergrund? Entkalkst du etwa deine Espressomaschine, während ich anrufe?“ fragte meine Mamá bei unserem letzten Telefonat mit kaum kaschiertem Vorwurf in der Stimme. Tatsächlich handelte es sich dabei aber um jene Geräusche, die manchmal aus mir herauskommen, wenn ich durch meinen Alltag galoppiere und meinen Atem schon bei der vorvorletzten Biegung abgehängt habe, mir Stress und Hektik einfach keine Zeit zum Durchatmen lassen. Oder mir bleibt einfach die Stimme weg beim fünfunddreißigsten Versuch meinen Vierjährigen davon abzuhalten, meine neue Creme gegen müden Teint als Biotreibstoff für sein Bastelauto zu verwenden. Mamas, ich weiß, ihr versteht mich!
 
Man kann sich meine Verwunderung vorstellen, als mir tags darauf ein Flyer vom Artemis-Schauspielstudio von Marlene Beck und Christine Steinhart „zufällt” (?!), in dem neben vielen interessanten Kreativ- und Schauspielkursen auch ein Stimm- und Atemtraining angeboten wird. Kommt wie gerufen! Wehmütig denke ich an eine ganz passable Alt-Singstimme, mit der ich mal vor hundert Jahren im Chor gesungen habe und frage mich, wann ich zum letzten Mal ein Kompliment über meine Stimme einstreichen durfte?
 
Dieses Seminar stellt mir unter anderem in Aussicht, hilfreiche Entspannungs- und Atemübungen zu lernen, womit ich dann mein verschüttetes inneres Gleichgewicht wieder zutage fördern könnte. Was mich außerdem anspricht und mich mit freudiger Neugierde überzieht, ist die Möglichkeit, meine Stimme anhand von Theatertexten zu erproben und zu lernen, in alltäglichen Situationen die ganze Bandbreite meiner „Voice - Box“ nutzen zu können. Mein Forschergeist ist geweckt und ich bin gespannt, was diesbezüglich in mir und meinem „Sprechapparat“ steckt.
 
Samstag, 10:00 Uhr. Graublauer Nieselregenhimmel. Artemis-Schauspielstudio
Große Fenster! Viel Aussicht! Auf viele Bäume und wildromantische Klinkersteinbauten. 
In diesem ansprechend gestalteten Theater-Loft auf einem ehemaligen Fabrikgelände, das von Größe und Ausstattung her eine gesunde Mischung aus Freizügigkeit und Geborgenheit bietet, werden ich und die anderen „Neugierigen“ von unserer Kursleiterin Christine Steinhart mit offenem Lächeln in Empfang genommen.
 
Es wird darauf geachtet, die Teilnehmerzahl so zu halten, dass das Training im geschützten Rahmen stattfinden kann. So fühle ich mich rasch privat und lerne meine „Mitstreiter und Mitstreiterinnen“ und deren Motive, den Kurs zu besuchen, kennen: Darunter sind eine junge zweifache Mama und Physiotherapeutin, die sich ihr erstes freies Wochenende seit Jahren mit diesem Kurs versüßen möchte, auf „Wellness mit Hirn“ aus ist, noch eine Mutter mit bereits erwachsenen Kindern, die sich für ihren beruflichen Neustart mentale und stimmliche Stärkung erhofft, um ihre bevorstehende Feuertaufe als Vortragende vor hochkarätigen Zuhörern zu bestehen und eine Schauspielschülerin, die bald ihre Abschlussprüfung bei Artemis absolvieren wird.
 
Christine Steinhart, Schauspielerin, Stimmlehrerin und die eine tragende Seelenhälfte des Schauspielstudios Artemis, spricht mit einer klaren und klangvollen Stimme (wen wundert´s!). Sie hat eine angenehm sinnliche Ausstrahlung und ihr blitzt der Schalk auf eine respektvolle und warme Art aus den Augen, so dass ich gerne ihren Worten lausche. Später wird sie sagen, dass sie ein schüchterner Mensch ist, und man wäre geneigt, dieses für reine Koketterie zu halten, spürte man nicht den wahrhaftigen Ton in ihrer Stimme.
 
Wir lernen also gleich zu Beginn ein wenig technisches Grundwissen über die Linklater-Arbeit, die Christine Steinhart anwendet und bekommen gut dosierte Häppchen anatomischer Informationen über unseren Stimmapparat gereicht. Dabei befühlen wir die knorpelige Beschaffenheit unseres Kehlkopfs, fühlen seine Empfindlichkeit, spüren unser Zwerchfell unter dem Rippenbogen auf und lernen eine Massagetechnik, die dieses „Sound -System“ gut durchblutet und ihm so mehr Sauerstoff und der Stimme mehr Raum verschafft.
 
An diesem ganzheitlichen Stimm- und Sprechtraining mag ich, dass es um den Zugang zur eigenen Stimme geht. Einer Stimme, die den Reichtum an Gefühlen und Gedanken unmittelbar ausdrücken kann. Körperliche Wahrnehmung, Entspannung und die Arbeit an der Wirbelsäule leiten einen Prozess ein, der die Stimme befreien soll, die ihm Alltag - salopp gesagt – oft verschluckt oder zurück gehalten wird.
 
Wie mit einem inneren Geigerzähler bewegen wir uns dann durch das Loft. Welcher Platz gefällt mir, wo finde ich es unangenehm zu stehen? Als nächstes „sammeln wir Augenblicke“, schauen uns gegenseitig beim Vorübergehen kurz an, bemerken wie unterschiedlich die zugeraunten „Hallos“ dabei klingen und wie wir uns dabei fühlen.
Eine Reihe von Übungen schließt sich an, bei der eine sinnliche und vorstellungskräftige Welt lebendig wird.
 
Der „Seufzer der Erleichterung“ gefällt mir dabei besonders gut. „Als würdet ihr eine heiße Suppe pusten“, erklärt Christine Steinhart und liefert damit ein Bild, mit dem jeder etwas anfangen kann. Der leise Ton, der dabei entweicht und das lange Ausatmen tut richtig gut und entspannt mich tatsächlich. Auch durch herzhaftes Gähnen und Strecken und zwar ohne sich getreu der guten Kinderstube die Hand vor den Mund zu halten, erfährt man einen bemerkenswerten Zugewinn an Wohlgefühl und bekommt deutlich mehr Kraft in die Stimme. Wir kichern auch bald schon herzhaft in der Runde, weil Gähnen mindestens so ansteckend wirkt wie Lachen.
 
Sprechatmung mit leicht geöffnetem Mund, oder mal nur den Unterkiefer zu bewegen, die Lippen mit ganzem Puste-Einsatz zum kraftvollen Flattern zu bringen (Pferd lässt grüßen!), stiftet uns dazu an, die Scheu vor all den albern aussehenden Gesichtsausdrücken zu verlieren, die dabei entstehen. Denn als Lohn der Grimassenarbeit stellt man den frappierenden Unterschied fest, wie ungleich satter, sicherer und entschieden selbstbewusster das anschließend Gesprochene (und seien es nur Laute aus den Mündern, Kehlköpfen, Brustkörben, Beckenböden und Knien) schallt und tönt. Ja, Sie haben richtig gelesen. Hätte ich es nicht selber erlebt, hätte ich mir ein Wundern nicht verkneifen können, wenn mir jemand erzählte, er spreche locker aus dem Knie.
 
Christine Steinhart arbeitet mit einer facettenreichen Bildsprache und viel Phantasie. Unsere Vorstellungswelt wird ständig angeregt, so fällt es nicht schwer, in die verschiedenen Bilder und Stimmungen einzutauchen, die sie mit den weiteren Übungen anbietet.  Was mich dabei am meisten beeindruckt ist die Wirkung, die sich prompt einstellt, weil diese Übungen den Kopf ausbremsen, und das tut richtig gut! Denn wie oft hält uns der Verstand im Alltag davon ab, spielerisch, spontan und neugierig zu sein, weil wir es seit der Kindheit an gewohnt sind, nach Perfektion zu streben?!
 
Durch Lautbildungen verbunden mit bestimmten Gesten und Bewegungen ändern sich unsere Stimmungen und eine reichhaltige Klaviatur von Emotionen wird zugänglich. So können alle Teilnehmer am Abend des ersten Kurstages poetische Gedichte von Eichendorff auf unterschiedlichste Art und Weise ausdrücken, dass es schon fast ins Schauspiel hinein geht. Wir tun dies ohne Scheu und sind überrascht, was in uns steckt.
 
„ Es war, als hätte der Himmel die Erde still geküsst ...“ und ich habe Lust bekommen zu „tönen“. Schönes Wundern! Freue mich auf den nächsten Tag. Bei der heutigen Gute-Nacht-Geschichte kommt mein Sohn in den Genuss eines besonderen Vortrages, ich mache Geräusche, Töne und spreche alle Figuren der Geschichte mit einer Inbrunst, dass es uns beiden eine reine Freude ist.
 
Sonntag. 10:00 Uhr. Kräftiger Prasselregen, abgelöst von quietschblauen, sonnigen Himmelspuren. Artemis-Loft
Wann haben Sie das letzte Mal an einem Sonntagmorgen zu fetziger, wilder Musik getanzt und mit allen nötigen Posen und Bewegungen so getan, als könnten Sie singen wie Ella Fitzgerald? Auch das herzhafte laute Gähnen mit ausladenden Streck- und Dehnbewegungen geht uns allen heute viel leichter und selbstverständlicher „vom Gestell“.
 
Heute erforschen wir unsere Wirbelsäule. „ Henry“ (frz.), ein blasser, extrem untergewichtiger Herr, leistet uns dabei Gesellschaft und stellt sich selbstvergessen zur Verfügung. An ihm veranschaulicht uns Christine Steinhart kurz, wie unsere Wirbelsäule, Steißbein, Beckenboden, Halswirbel, Kiefergelenk etc. und die dazugehörigen Muskeln unsere Resonanzräume bilden. Es kommen keine Klagen von Henry, als er wieder in den Requisitenraum gerollt wird. Das anatomische Plastikskelett klappert nur leise im Luftzug.
 
Die Übungen, die sich jetzt anschließen, dienen dazu, die erwähnten Resonanzräume in unseren Körpern aufzufinden und dadurch die Stimme zu stärken. Wie lernen Klopf- und Massagetechniken, weitere Körper- und Entspannungsübungen und trainieren an konkreten Lauten, Worten und Prosatexten. Dabei wird die körperliche Wahrnehmung geschult und man kann alsbald Veränderungen bei jedem Einzelnen bemerken.
 
Die Teilnehmerin, die bald vor großem Fachpublikum sprechen soll, sucht sich ein paar Worte aus ihrem Vortrag aus. Mit den Worten „Kompetenz“ und „Charakter“ richtet sie sich an uns als Publikum und wir hören das Gesagte. Als ihr dann aber Christine Steinhart mit der Hand die Nackenwirbel sanft dehnt, die Teilnehmerin dadurch den Kopf hebt und ihre ganze Haltung aufrechter wird, kommen ihr dieselben Worte plötzlich mit einer lässigen Souveränität über die Lippen, die uns staunen lässt. Das Beeindruckende an dieser Arbeit ist, dass durch diese Übungen am Körper nicht nur die Stimme, sondern auch die Psyche gestärkt wird!
 
Dies zeigt sich auch im letzten Teil des Seminars „Meine Stimme klingt“, in dem wir Texte von Brecht und Shakespeare sprechen, die sich jeder aus einer kleinen Auswahl aussuchen darf.
 
Bis auf die junge Schauspielerin sind wir anderen Kursteilnehmer es nicht gewohnt, uns mit dieser Sprache auszudrücken, aber was aus uns herauskommt mit Hilfe einer kleinen Inszenierung vor Christine Steinhart, ist für jeden von uns ein schönes, beglückendes Erlebnis. Weil wir uns mal von einer ganz anderen Seite erleben, ohne uns groß überwinden zu müssen. Diese Erfahrung hat wirklich etwas Befreiendes!
 
Jeder bekommt von Christine Steinhart Tipps und Übungen mit auf den Weg, um von dem Gelernten auch im Alltag zu profitieren. Wenngleich wir alle wissen, dass wir mit diesem Wochenendseminar nur in diese wunderbare Arbeit hineinschnuppern durften, haben wir doch auch alles Erlebte kräftig inhaliert und mal wieder richtig tief durchgeatmet. Ganz nebenbei waren nach diesem Tag auch meine Rückenschmerzen wie weggepustet.
 
Und als ich kurz darauf meinen Vierjährigen wieder an meinen Cremetiegeln erwische, hebe ich ruhig und gelassen eine meiner Augenbrauen, lege alle nötige Bestimmtheit in diese Geste, vergrößere mein Rachenvolumen, atme den „Seufzer der Erleichterung“ und sage ... nichts.
 
Verblüfft werde ich von meinem kleinen Treibstoffforscher gefragt, ob ich “das”(unausgesprochene Verbot) mit dunkler oder heller Stimme meine, während er langsam mit leichtem Bedauern um die Mundwinkel seine Hand aus dem Badezimmerschrank zurückzieht.
 
 
Weitere Informationen finden Sie unter www.artemis-theater.de
 
LH
 
Fotos: UF  

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