Der Ritenberg und die Landschaftsahnin von Riedenburg im Altmühltal
Spurensuche mit Dr. Kirsten Armbruster: Das schöne Altmühltal als Ausflugsziel eignet sich für eine spannende Entdeckungsreise in unsere Vorgeschichte.
Das Altmühltal wurde bereits in der Altsteinzeit vom Neandertaler und später vom Homo sapiens bewohnt. Durch die Höhlen und die guten Jagdgründe bot es ausreichend Lebensbedingungen für die Bewohner. Die älteste Bestattung im Altmühltal wird in der Klausenhöhle bei Essing für das Jahr 18.000 v.u.Z. datiert und eine Mutter-Kind-Bestattung an der Schnellnecker Wand um das Jahr 6000 v.u.Z.. Im Hinterland von Riedenburg befindet sich das Dorf Buch, wo man 45 Grabhügel entdeckte, von denen die ältesten aus der Bronzezeit stammen. Der Flussname Altmühl lautete ursprünglich Alcmona oder Alkimoennis. Dieses Wort lässt sich aus Wörtern der vorkeltischen Zeit ableiten. Es bedeutet Wasser-Stein-Tal oder Steinfluss.
Wie nahmen unsere frühesten Vorfahren Landschaften wahr? Wann und wie entwickelten sich die Anfänge von Religion? Was wurde als heiliger Ort wahrgenommen? Diese Fragen stellen immer mehr Menschen auf der Suche zu den weltweiten Wurzeln von Religion. Paul Devreux schreibt in seinem Buch „Der heilige Ort. Vom Naturtempel zum Sakralbau“ (AT-Verlag 2006): „Die ersten heiligen Orte waren Orte in der Natur. Es war die Erde selbst, die diese ursprünglichen Plätze darbot, an denen sich die Empfindung von Heiligkeit verdichtete. Welches Monument, welche Kultstätte auch immer sich an einem solchen Ort später entwickelt haben mag – alle Gesellschaften wählten zunächst spezifische Naturplätze als ihre besonderen Orte (S. 44).“
Dabei zeichnet sich immer mehr ab, dass Religion ursprünglich weiblich ist und körperlich erfahren wurde als das mütterlich Göttliche. Die Menschen suchten dieses mütterlich Göttliche in der Landschaft und verbanden sich mit dieser Landschaft. Hier wird die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Religion - das sich Zurückbinden an die Landschaft - offenbar. Nahrung und damit Leben kamen von Mutter Erde und ebenso kamen das Leben und die erste Nahrung für den Menschen aus den Frauen. So nimmt es nicht Wunder, dass als erstes das als heiliger Ort empfunden wurde, was sich in der Landschaft als mütterliche Form darstellte, z.B. in Form von Doppelbrüsten, bevorzugt in Verbindung mit Wasser. Genau dieses Landschaftsphänomen finden wir in Riedenburg im Altmühltal.
Drei Burgen
Die früheste Erwähnung des Ortsnamen Riedenburg stammt in der Schreibweise „Ritenburg“ aus dem Jahr 1111. Eine Vermutung ist, dass es sich um die Burg eines Rito handelt. Wahrscheinlicher ist jedoch eine ganz andere Deutung. Auf den Doppelbrüsten von Riedenburg befinden sich drei Burgen. Die heute noch genutzte Rosenburg und die Burgruinen Rabenstein und Tachenstein. Burgen wurden erst im Mittelalter gebaut. So ist es wahrscheinlich, dass der Name Riedenburg ursprünglich Ritenberg hieß, in der Bedeutung: Ein Berg auf dem Riten stattfanden, eine Kultstätte also. Wir können davon ausgehen, dass auf diesem Doppelberg die Große Muttergöttin, die Erdgöttin verehrt wurde, wie auch überall sonst in der Welt.
Dafür gibt es auch heute noch zahlreiche Hinweise. So sind die Namen der drei Burgen und das bis heute verwendete Stadtwappen Riedenburgs mit den drei Rosen auf unserer Spurensuche von großem Interesse. Die Rose steht schon seit alters her für das weibliche Geschlecht und wird auch heute noch im weiblichen religiösen Kontext verwendet. So findet man Maria, die Mutter Gottes im Katholizismus immer wieder mit dem Rosenkranz dargestellt. Die drei Rosen im Riedenburger Stadtwappen könnten auf die dreifache Göttin hindeuten, die weltweit in ihrer Trinität als Jungfrau, Mutter und Weise Alte verehrt wurde. So fanden wahrscheinlich auf den Doppelhügeln von Riedenburg Kultfeste zu Ehren dieser dreifachen Muttergöttin statt, deren AnhängerInnen später bei der Inquisition als Hexen verbrannt wurden. Der Rabe wird mit Hexen assoziiert und so könnte auch der Name der Burgruine Rabenstein auf diesen Kult hinweisen, wobei auch ein Galgenberg, also eine Hinrichtungsstätte oft mit Rabenstein bezeichnet wird. Ähnlich verhält es sich mit dem Namen der zweiten Burgruine: Tachenstein. Tachenstein wird teilweise mit Dohlen, schwarzen rabenartigen Vögeln in Verbindung gebracht. Es könnte aber auch das Wort Drache dahinter stecken. Das Wort Drache war ursprünglich gleichbedeutend mit dem Wort Schlange und wenn man von den Hügeln dort oben ins Tal blickt sieht man, dass die Altmühl, ebenso wie der jetzige Rhein-Main-Donaukanal sich von Haidhof (Heidenhof) herkommend, besonders kurvenreich schlängelt. Drache und Schlange wurden beide im Zuge der Christianisierung dämonisiert und verfolgt, aber in der Religion der Großen Göttin war die Schlange heilig und oft mit Flüssen und damit Wasser, der Grundlage allen Lebens assoziiert.
Burgstrasse
Ein weiterer Hinweis auf eine ursprüngliche Kultstätte der Großen Göttin findet man in der Burgstraße selbst, der Straße, die den Busen hochgeht und dann weiter in Richtung Grub führt. In der Burgstraße befindet sich die katholische Kirche in den Hügel hineingebaut, nicht gerade ein einfacher Ort, um eine Kirche zu bauen. Da aber Kirchen im Zuge der Christianisierung besonders häufig auf ehemaligen Kultplätzen gebaut wurden, ist dies eher ein weiterer Hinweis auf eine „heidnische“ Kultstätte. Die Kirche selbst ist dem Heiligen Johannes gewidmet, aber Maria, die Mutter Gottes im Christentum, als welche die Große Muttergöttin christianisiert wurde, wird natürlich auch hier verehrt. Das Altarbild zeigt eine Maria Plenum Grata, eine Maria voller Gnaden, und es findet sich in der Kirche auch eine figürliche Darstellung der Maria. Verlässt man die Kirche, so fällt der Blick direkt gegenüber auf ein weiteres Bildnis der Maria am Haus gegenüber. Ein drittes Marienbild befindet sich in der Burgstraße ein paar Meter weiter oben auf der rechten Seite an einer Häuserwand. Geht man die Burgstraße wieder hinunter, so kommt man auf den Marktplatz, wo sich ein Marienbrunnen mit einer vergoldeten Marienfigur befindet. Diese Häufung der Mariendarstellung innerhalb von vielleicht 100 m zeigen ganz deutlich die mütterlich göttlichen Wurzeln auf.
Altmühl und Rhein-Main-Donaukanal
Von der Burgstraße geradeaus gesehen, befand sich bis zum Bau des Rhein-Main-Donaukanals in direkter Verlängerung eine Brücke, die über die Altmühl führte. Überquerte man diese Brücke, so steuerte man direkt auf das Kloster St. Anna zu, in dem auch heute noch Nonnen leben und eine Mädchenrealschule untergebracht ist. Anna ist nach katholischer Lesart die Mutter Marias. Tatsächlich ist ana/anna/anu oder auch dana eine in vielen Sprachen verbreitete Ursilbe, die im Vorderen Orient und in Europa die Urmutter bezeichnet, die mütterliche Erdgöttin. „So heißt die Große Göttin in Sumer „In-anna“, in Altpersien „Ana-hita“, in Altpalästina „Anna“, auf Kreta „Dikty-anna“. Im Keltischen bedeutet „Ana“ die Erde, die Urmutter, im Altirischen „Anu“ die Göttermutter, im Deutschen die „Ahne“ die Sippenmutter“ schreibt Heide Göttner-Abendroth in dem Buch „Mythologische Landschaft Deutschland“ (Seite 244, edition amalia).
Ebenfalls in diesem Buch beschreibt dieselbe Autorin, dass die Weltanschauung über eine weltweite weibliche Naturreligion, welche die Erde als gütige nährende Mutter und die Berge, Schluchten und Täler als verkörperte Einzelgestalten der umfassenden Grossen Erdgöttin sich vor ca. 7000 Jahren aus dem Kulturgebiet der frühesten Ackerbausiedlungen im östlichen Mittelmeerraum über die Atlantikküste bis nach Irland und England und vom Schwarzen Meer über die Donau bis nach Bayern verbreitete. Bekanntlich verlief das Urdonautal bis zur Rißeiszeit entlang der Achse Wellheim – Dollnstein – Eichstätt – Beilngries - Riedenburg und deshalb wurde das heutige Altmühltal in diesem Abschnitt auch lange Altmühldonau genannt.
Die Donau hieß in der Antike Danubius . Auch hier findet sich die alte Wortwurzel dana/ana und in Irland werden verschieden Doppelhügel „Brüste der Ana“ genannt (Kurt und Isabelle Derungs: „Magische Stätten der Heilkraft. Marienorte mythologisch neu entdeckt“, S. 40).
Wir können also davon ausgehen, dass matriarchal organisierte Ackerbaukulturen über den Weg der Donau das alte landschaftsmythologische Wissen mitbrachten aus dem sich eine Göttinnenkultstätte auf dem Doppelhügel von Riedenburg entwickelte, das über die Bezeichnung Ritenberg, über den Bau von Burgen im Mittelalter, zu dem heutigen Namen Riedenburg führte.
Die Landschaftsahnin
Verehrt wurde die alte Erdgöttin als Landschaftsahnin, die man sich liegend vorstellen kann. Weitere Namen führen uns zu ihrem Körper, der durch verschiedene markante Orte nachgezeichnet werden kann. Stellt man sich die Biegung der Altmühl zwischen Oberhofen und der Kernstadt als Kopf vor, dann weiter die Doppelhügel als Brüste, so führt die Burgstraße in der Verlängerung eines rechten Winkels an Grub vorbei bis zur Staatsstraße zwischen Pondorf und Schambach. Genau dort liegt das sagenhafte Schloss der Sinzhausenerin, von dem nur noch ein paar Steine der Grundmauern auszumachen sind und heute ein schmiedeeisernes Kreuz in Verbindung mit der Darstellung einer Frau mit Kessel/Kelch, auf einen vielleicht geschichtsträchtigen Ort hinweisen. Gegenüber der Staatsstraße, von Bäumen versteckt, befindet sich ein Teich, ich nenne ihn den Holleteich. Bei Trockenheit wird dieser Teich von suhlenden Wildschweinen benutzt, aber wenn es wieder geregnet hat, so zeigt sich das Wasser tiefgründig blauschwarz. Dass man heute praktisch nichts mehr über dieses Schloss weiß, könnte vielleicht auch daran liegen, dass zu einer bestimmten Zeit gewisse Leute daran interessiert waren, das Wissen über diesen Ort vergessen zu machen.
Folgt man vom ehemaligen Schloss der Sinzhausenerin dem Waldweg, kommt man zur Klausenkapelle, die natürlich heute ebenfalls der Maria gewidmet ist. Schließlich landet man in Frauenberghausen. Während die offizielle Geschichtsschreibung der Stadt Riedenburg von einem Geschlecht der Frauenberger aus Haag mit dem Schimmelwappen, das auf den Mauern von Burg Prunn verewigt ist berichtet, weiß man heute, dass Orte mit dem Wort Frau oft alte Kultstätten der Göttinnenverehrung bezeichnen. Geht man von Frauenberghausen den Hügel hinunter, kommt man zu einer wenig beachteten Quelle, deren Wasser in die Schambach fließt (auch der Name Schambach ist bezeichnend). Daneben finden sich Höhlen, die schon in Vorzeiten als heiliger Schoß der Erdgöttin galten und wo gerade in der Verbindung Höhle und Quelle oft Jahreskreisrituale stattfanden, in denen unter anderem auch die Fruchtbarkeit gefeiert wurde. Nicht umsonst heißt dieser Ort im Volksmund noch Puderloch und der Berg über der Höhle und der Quelle ist auf der Karte mit Teufelsberg verzeichnet, was ebenfalls auf einen alten Kultplatz hindeutet, der verteufelt werden sollte. Der Nachbarort von Frauenberghausen, der aber heute nicht mehr zur Stadt Riedenburg gehört, heißt interessanterweise Hexenagger.
Folgt man der Schambach wieder hinauf bis nach Riedenburg, so kommt man rechter Hand am Frauenstein von Riedenburg vorbei, der heute Kreuzfelsen heißt. Die bereits genannten Autoren Kurt und Isabelle Derungs bezeichnen diesen Stein, der auf einer Fotographie von 1905 noch einen Kopf besitzt, der inzwischen aber neben dem Felsen liegt, als die sitzende Steinahnin von Riedenburg, als die Alte von Riedenburg. Die Göttin als Jungfrau ist aus ihrer Sicht in der Geschichte „Der Schimmel von Prunn“ verewigt (Mehr darüber in „Magische Stätten der Heilkraft, Marienorte mythologisch neu entdeckt“ im Kapitel: Der Frauenstein von Riedenburg, S. 46-50, von Kurt und Isabelle M. Derungs, edition amalia).
So finden wir in Riedenburg die landschaftsmythologischen Spuren der dreifachen Erdgöttin, wie sie lange Zeit weltweit verehrt wurde. Die auch noch heute erfolgende Verehrung der göttlich mütterlichen Linie Anna - Maria, die nicht nur in der Kernstadt, sondern auch in den zahlreichen Kapellen auf dem Jachenhausener Berg verewigt sind (auch dort gibt es einen markanten Teufelsfelsen, an dem heute wieder, wahrscheinlich wie in alten Zeiten, die Johannesfeuer stattfinden), zeigen, dass Riedenburg schon seit Urzeiten ein Ort der Verehrung des weiblich Göttlichen war. Eine heute offensivere Verehrung des mütterlich Göttlichen zum Beispiel durch die Aufstellung einer Schwarzen Madonna würde dieser Verehrungslinie Rechnung tragen und Riedenburg zum Blühen bringen.
KA
Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Kirsten Armbruster
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