Mut zur eigenen Stimme
Eva Loschky ist ausgebildete klassische Sängerin, Schauspielerin und Logopädin. Sie wurde als Buchautorin mit der Loschky-Methode® bekannt, einem neuen Stimmtraining, das die Kraft im Körper zündet. 2005 erschien im Kösel-Verlag das Buch zur Methode: „Gut klingen – gut ankommen“. Eva Loschky bringt in Vorträgen, Seminaren und Einzeltraining jede Stimme zum Erblühen und weckt schlummernde Energien. Die gefragte Fachreferentin für Stimmbildung und Sprecherziehung lebt in München und Berlin.
Das Interview mit Eva Loschky führte Ursula Fournier.
Frau Loschky, die Stimme ist unser Hauptkommunikationsmittel. Sie transportiert, was wir anderen mitteilen wollen. Doch warum gibt es da oftmals Probleme?
Viele Menschen haben zwar wichtiges zu sagen, aber man hört ihnen einfach nicht zu: Sie sprechen zu leise, zu verhaucht, zu belegt, zu hoch, zu schrill, zu gepresst, zu schnell und ohne Pausen oder sie machen den Mund nicht weit genug auf. All dies führt dazu, dass ihre Botschaften nicht gehört werden oder andersherum gesagt: Je besser Sie sprechen, desto leichter hört man Ihnen zu.
Mütter oder auch KindergärtnerInnen oder LehrerInnen müssen ihre Stimme oft strapazieren, um sich gegen die meist lauteren Stimmen der Kinder behaupten zu können. Dagegen Anschreien ist aller Erfahrung nach aber nicht das besonders wirkungsvoll. Wie verschafft man denn seiner Stimme „Raum“, so dass sie gehört wird?
Lassen Sie mich das Sprechen mit dem Sport vergleichen: Jeder von uns kann – so wir nicht ein Handicap haben - 1km ohne Mühe gehen. Jeder von uns kann – so wir nicht ein Handicap haben - ohne Mühe reden. Wenn wir den Kilometer joggen wollen, haben einige schon Probleme und müssten das trainieren. Joggen ist vergleichbar mit dem Sprechen vor einer Gruppe, die größer als 15 Menschen ist – das Sprechen vor Gruppen ist bereits Leistungssport und bedarf eines Trainings. Wenn Sie nun den Kilometer in bayrischer Bestzeit zurücklegen wollen, brauchen Sie ein professionelles Training. Menschen wie KindergärtnerInnen oder LehrerInnen, Schauspieler oder Sänger sind Hochleistungssportler in bezug auf Ihre Stimme und brauchen ein gezieltes Training, um sich durchsetzen zu können und die hohe Stimmbelastung auf Dauer zu schaffen.
Frauen lassen sich von bedrohlich klingenden Stimmen einschüchtern. Viele haben selbst Angst davor, die eigene Stimme zu erheben, weil sie auf andere nicht bedrohlich wirken wollen. Wie machen Sie Frauen mit ihrem Stimmvolumen vertraut?
Zunächst einmal: Alle Menschen sind mit einem großen Stimmpotenzial geboren. Denken Sie an die Babies, die stundenlang schreien können ohne heiser zu werden! Beim Erwerb Ihrer Muttersprache imitieren Sie die Sprech- und Atemmuster Ihrer Bezugspersonen. Sie engen dabei Ihr Stimmpotenzial ein, um Sprache zu erwerben, um kommunikationsfähig zu werden. In jedem von uns steckt deshalb eine sehr viel breitere stimmliche Klangpalette, die Sie reaktivieren können. In meinem Training erkläre ich genau, wie die Stimme körperlich funktioniert und wir trainieren die richtigen muskulären Aktivitäten für eine laute köperverbundene Stimme.
Sie beziehen den ganzen Körper in Ihr Stimmtraining mit ein. Könnten Sie uns kurz erklären, warum?
Der Schlüssel für eine gesunde und belastungsfähige Stimme ist der richtige Einatem beim Sprechen. Er erfordert eine klare muskuläre Körperaktion: Mund, Kehle und Bauch öffnen sich, der Beckenboden dehnt sich, die Knie geben nach: Der Einatem, ist ein Moment der Öffnung, der Entspannung. Der Einatem gliedert Ihren Text, Ihre Rede in klare Abschnitte, also in die richtigen Verständnisportionen für Ihre Gesprächspartner und erfolgt nach 8-12 Wörtern. Die Ausatmung - und Sprechen ist Ausatem - dagegen bedeutet Spannungsaufbau eben dieser Muskulatur. Der Ausatem versetzt unsere Stimmlippen in Schwingung und wird dadurch in Schallwellen umgewandelt, unser Stimmklang.
Sowohl beim Einatmen als auch beim Ausatmen gibt es eine Reihe von Fehlerquellen, die die Qualität der Stimme herabsetzen. Dynamische Sprechsequenzen entstehen durch den Wechsel von exaktem körperlichem Spannungsaufbau beim Ausatmen und einer 100prozentigen körperlichen Entspannung für die Einatempause. Gelingt dieser Wechsel, ist die Stimme klangvoll und belastungsfähig.
Eine besondere Rolle spielt auch der Beckenboden? Das ist besonders auch für Mütter sehr interessant.
Fast jeder Körperteil unterstützt die Stimme, aber ganz wichtig ist der Beckenboden. Er ist das Fundament für eine gute Stimme: Er muss sich dehnen und öffnen für den Einatem beim Sprechen und kontrahieren während des Ausatems, also des Sprechens. Nach einer Schwangerschaft ist die Beckenbodenmuskulatur maximal gedehnt und braucht wieder ein Training. Bei Stress ist der Beckenboden stark kontrahiert und auch unbeweglich. Richtiges Sprechen trainiert die Beweglichkeit. Probieren Sie das doch einfach mal aus: Sie setzen sich aufrecht hin, entspannen Ihren Bauch, Ihren Beckenboden. Sprechen Sie jetzt ein langgezogenes „chchch“ (Sie nehmen das „ch“ vom Wörtchen „ich“). Beobachten Sie dabei genau, was in Ihrem Unterbauch passiert: Was zieht sich da ganz von selbst zusammen? Helfen Sie nicht nach, lassen Sie es von allein entstehen. Danach öffnen Sie den Mund und entspannen genau die Muskulatur, die sich eben beim „ch“ zusammengezogen hat (Unterbauch, Vagina, Damm, Anus?). Der Einatem strömt lautlos und von selbst ein und Sie können wieder mit dem „ichchch“ ausatmen. Dann probieren Sie mal das Gleiche mit dem hinteren „chchch“ vom Wörtchen „ach“. Spüren Sie und entdecken Sie, wie einzelne Buchstaben Ihren Beckenboden aktivieren und wie der lautlose Einatem (dieser geht beim Sprechen durch den Mund!) diesen wieder öffnet, dehnt. Wer dieses Wechselspiel beim Sprechen beherrscht, hat eine klangvolle körperverbundene Stimme!
Wenn Frauen eine laute Stimme haben, gelten sie schnell als hysterisch. Wie machen Sie Frauen Mut zur eigenen Stimme?
Eine Stimme klingt nur dann laut und hysterisch, wenn sie nicht vom Körper unterstützt, sondern nur von einer flachen Atmung und viel Spannung im Kehl- und Mundbereich. Auch das können Sie ausprobieren: Stellen Sie sich hin, strecken Sie die Knie durch, ziehen Sie Ihren Bauch fest nach innen, holen Sie oben im Brustkorb Luft und reden Sie dann sehr laut. Sie werden sehen, das strengt nicht nur an, sondern Ihre Stimme klingt gleich sehr hässlich. Ich helfe den Frauen, beim Sprechen Ihren Körper neu zu entdecken: das verschafft Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Standfestigkeit und Gelassenheit. Das ist die richtige Ausgangslage, die eigene Stimme als Freundin zu erleben und zu lieben.
Es heißt: „Mir bleibt vor Schreck die Stimme weg“ oder „Vor Angst bekomme ich keinen Ton heraus“. Welchen Einfluss haben unsere Gefühle auf den Klang unserer Stimme und was mache ich, um meine Stimme wieder zu finden?
Bei allen Emotionen – mit Ausnahme der Erotik - , bei Stress und bei Schmerzen spannt sich der Körper an, der innere Druck verschließt den Beckenraum, der Bauch drückt sich nach innen, der Atem wird flach und die Stimme rutscht in den Hals. Wenn wir uns diese emotionalen Atemmuster bewusst machen, können wir auch versuchen, es zu verändern.
Als ersten Schritt sollte man sich in einer solchen Situation entspannen, indem man im Stehen die Knie lockert, Po und Unterbauch entspannt. Dann atmen Sie langsam aus, spüren Sie dabei, wie sich Ihr Unterkörper zusammenzieht. Entspannen Sie den Bauch wieder, lockern Sie Po und Knie, öffnen Sie den Mund und atmen Sie ruhig. Bevor Sie das erste Wort sagen, sollten Sie dann ganz entspannt sein, dann kommt ihre Stimme aus dem unteren Beckenraum und ist kraftvoll.
Brauche ich neben einer gut trainierten Stimme spezielle Entspannungsübungen, wenn ich beispielsweise Angst habe, vor vielen Leuten zu reden?
Meines Erachtens ist es sehr wichtig, die körperlichen, die muskulären Reaktionen des Körpers in solchen Angstsituationen zu kennen, um aktiv einen anderen Körperzustand in der Lifesituation herstellen zu können. Das kann man im Stimmtraining mit der Loschky-Methode® sehr gut lernen und direkt umsetzen. Man braucht keine speziellen Entspannungsübungen, denn entscheidend ist ja das Handeln in der akuten Situation.
Wie viel Einfluss hat denn unsere Stimme darauf, wie wir bei anderen ankommen?
Unsere Stimme ist sozusagen der Türöffner für die Botschaft unserer Worte. Bei einer angenehmen Stimme wird sich die Tür des Herzens bei unserem Gesprächspartner weit öffnen, bei einer unangenehmen Stimme öffnet sie sich nur einen kleinen Spalt und wir haben Mühe, unsere Botschaft rüberzubringen.
Wie lange muss man üben, bis die Stimme besser klingt?
Faustregel: wenn wir 30 Tage lang 10 Minuten üben, dann können neue Bewegungsmuster im Körper falsche dauerhaft ersetzen.
Seit wir Mütter mit unseren Kindern jede Popstars-Staffel mit verfolgen, ist Gesang wieder ein spannendes Thema geworden. Dabei taucht die Frage auf: Kann denn jeder singen?
Ein afrikanisches Sprichwort heißt: "Wer gehen kann, kann tanzen.Wer sprechen kann, kann singen." Dem stimme ich voll und ganz zu.
Spiele wie Singstar sind bei Jugendlichen sehr beliebt. Was halten sie davon?
Generell ist es wichtig, dass wir wieder zur Singstimme zurück finden. Nicht mehr zu singen heißt für die Stimmlippen, sich nicht mehr zu bewegen, nicht mehr zu „joggen“. Das ist fatal. Was mir bei Singstar nicht gefällt ist die Bewertung, wie gut oder schlecht man singt. Stimme ist Spiegel der Persönlichkeit und diese sollte man nicht benoten, diese entwickelt sich.
Eignet sich ihr Stimmtraining auch, wenn wir singen lernen wollen?
Ich arbeite immer mit der Singstimme in meinem Training, denn wie bereits gesagt: in einer Gesellschaft, die von Bewegungsarmut gekennzeichnet ist, brauchen wir Bewegung!
Wann ist es auch für Kinder zu empfehlen?
Ab ca. 12 Jahren, aber nur, wirklich nur, wenn das Kind es sich wünscht.
Frau Loschky, vielen Dank für das interessante Gespräch. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und Kraft für die Zukunft.
Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Eva Loschky
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